Giro: Niederländer jubelt nach umstrittenem Sprint

Bouwman holt sich zum Bergtrikot noch zweiten Etappensieg

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Koen Bouwman (Jumbo – Visma) bejubelt seinen zweiten Giro-Tagessieg. | Foto: Cor Vos

27.05.2022  |  (rsn) - Mit einem kontrovers diskutierten Sprint endete die 19. Etappe des Giro d’Italia, die über 178 Kilometer von Marano Lagunare nach Santuario di Castelmonte führte. Koen Bouwman (Jumbo – Visma) überquerte die Ziellinie nach einem Kontakt in der letzten Kurve als erster und bejubelte seinen zweiten Tagessieg. Der zweitplatzierte Mauro Schmid (Quick – Step Alpha Vinyl) protestierte daraufhin heftig, weil ihm der Niederländer den Weg abgeschnitten hatte.

Auf dem dritten Rang landete mit drei Sekunden Rückstand Alessandro Tonelli (Bardiani – CSF – Faizanè). Tobias Bayer (Alpecin – Fenix) mischte in der Ausreißergruppe des Tages mit und wurde schließlich mit 2:45 Minuten Rückstand Sechster. Richard Carapaz (Ineos Grenadiers) verteidigte abermals das Rosa Trikot.

Bouwman, Schmid, Tonelli, Andrea Vendrame (AG2R – Citroën) und Attila Valter (Groupama – FDJ) kämpften als letzte Fahrer einer ursprünglich zwölfköpfigen Spitzengruppe am Schlussanstieg zur Santuario di Castelmonte um den Sieg. Nachdem sich das Quintett fast den gesamten Anstieg lang belauerte hatte, kam es in der letzten 90-Grad-Kurve genau 100 Meter vor dem Ziel zu einem Kontakt zwischen Schmid und Bouwman, den allerdings beide unterschiedlich bewerteten.

“Ich wusste von der Linkskurve, aber ich wusste nicht, dass sie so scharf ist. Ich musste scharf bremsen und wusste, dass ich die Innenseite nehmen musste. Hoffentlich ist niemand gestürzt, das täte mir leid“, schilderte Bouwman die Szene, in der er sich vor seinen Konkurrenten setzte, aus seiner Sicht. Schmid dagegen krisisierte seinen den Tagessieger für ein seiner Auffassung nach irreguläres Verhalten. “Meiner Meinung nach war das sicher kein fairer Sprint. Mein Lenker war vorn und er wäre in der letzten Kurve fast gestürzt. Er weiß, dass er im Sprint langsamer ist, deswegen hat er mich weggedrückt“, meinte der Schweizer.

Die Jury sieht keinen Regelverstoß durch Bouwman

Die Jury beschloss, nicht einzugreifen und so hatte das Ergebnis Bestand. Damit sicherte sich Bouwman seinen zweiten Etappenerfolg. “Nach meinem ersten Sieg sagte ich es wäre schön noch einen zu holen. Ich wollte aber auch realistisch sein, denn das war erst mein zweiter Profisieg. Zwei Giro-Etappen zu gewinnen, macht mich sprachlos“, freute sich der 28-Jährige.

Obendrein ist Bouwman in der Bergwertung nicht mehr einzuholen. “Das Blaue Trikot sicherzustellen war eigentlich das Ziel des Tages. Dass das nun Hand in Hand mit einem weiteren Etappensieg geht, kann ich kaum glauben“, erzählte der Jumbo-Fahrer, der seinem im Gesamtklassement enttäuschenden Team einen versöhnlichen Giro-Abschluss bescherte.

Carapaz lieferte sich am Schlussanstieg einen weiteren Schlagabtausch mit Jai Hindley (Bora – Hansgrohe) und Mikel Landa (Bahrain Victorious). Wieder konnte sich keiner der drei Favoriten absetzen, so dass Carapaz mit einem Vorsprung von drei Sekunden auf Hindley und 1:05 Minuten auf Landa in die entscheidende morgige Bergetappe geht. Allerdings verlor der Olympiasieger mit dem Richie Porte einen wichtigen Helfer.

“Es ist ungücklich, Richie so früh am Tag zu verlieren, aber die Mannschaft hat eine super Arbeit geleistet und Pavel Sivakov ist in guter Form. Die drei besten sind eng zusammen“, meinte Carapaz. Emanuel Buchmann (Bora – hansgrohe) konnte seinen siebten Gesamtrang zwar halten, kassierte aber etwas mehr als eine Minute auf die Konkurrenz.

 

So lief das Rennen:

Bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen jenseits der 25 Grad entbrannte vom Start weg auf zunächst brettebenem Terrain ein harter Kampf um die Gruppe des Tages. Nach rund zehn Kilometern zogen Bouwman, Edoardo Affini (beide Jumbo - Visma), Valter, Clement Davy (beide Groupama - FDJ),  Schmid, Davide Ballerini (beide Quick-Step Alpha Vinyl), Fernando Gaviria (UAE Team Emirates), Bayer, Vendrame, Tonelli, Magnus Cort (EF Education - EasyPost) sowie Edward Theuns (Trek - Segafredo) davon.

Es dauerte dann aber weitere 15 Kilometer, bis unter den Verfolgern Ruhe einkehrte und die zwölfköpfige Gruppe freie Fahrt erhielt. Ineos Grenadiers übernahm wie erwartet die Kontrolle im Feld, das den Ausreißern schnell einen großen Vorsprung von fast 11:30 Minuten, der nach 50 Kilometern erreicht wurde, gönnte. Carapaz‘ Team zeigte auch jetzt kein Interesse, das Tempo zu erhöhen und konnte sich das leisten, denn Bouwman als im Gesamtklassement bestplatzierter Ausreißer wies bereits mehr als eine Stunde Rückstand auf das Maglia Rosa auf.

Anstelle von Ineos Grenadiers zeigte sich dann aber Bora – hansgrohe an der Spitze des Feldes und machte sich daran, den Rückstand zu reduzieren. Den Zwischensprint in Buja, der Heimatstadt von Alessandro De Marchi (Israel – Premier Tech), sicherte sich nach 56 Kilometern Gaviria, der dadurch in der Sprintwertung am zweiplatzierten Mark Cavendish (Quick-Step Alpha Vinyl) vorbeizog.

Carapaz verliert schon am ersten Berg seinen Edelhelfer Porte

Am Fuß des ersten Anstiegs des Tages war der Abstand zwischen Spitze und Feld um rund zwei Minuten geschrumpft, woran sich im 3,5 Kilometer langen und acht Prozent steilen Anstieg zur Villanova Grotte (3. Kat.) nichts änderte. Affini machte hier Tempo für seinen Teamkollegen Bouwman, der sich den Bergpreis und damit weitere neun Zähler für sein Maglia Azzura holte. Neun Minuten dahinter verlor völlig überraschend Carapaz‘ Edelhelfer Richie Porte den Anschluss an das Feld, ohne dass es zu Attacken gekommen wäre. Kurz darauf stieg der 37-jährige Australier, der über Nacht erkrankt sein soll, bei der letzten Grand Tour seiner Karriere vom Rad.

Im nach einer kurzen Abfahrt folgenden neun Kilometer langen und gut fünf Prozent steilen Anstieg zum Passo di Tanamea (3. Kat.) arbeiteten Hindleys Helfer weiter daran, den Abstand zu verringern. Nach 83,5 Kilometern holte sich Bouwman weitere neun Punkte für die Bergwertung. In der Abfahrt hielten vor allem Affini und Ballerini das Tempo für ihre Teamkollegen Bouwman und Schmid hoch, so dass es Bora – hansgrohe zunächst nicht gelang, die Lücke weiter zu verkleinern.

Als es auf die 40-Kilometer-Schleife durch Slowenien ging, betrug der Abstand rund 8:30 Minuten, am Fuß des zehn Kilometer langen und neun Prozent steilen Kolovrat, dem “slowenischen Mortirolo“, war er um fast eine weitere Minuten angewachsen. Auf den ersten vier, bis zu 15 Prozent steilen Kilometern des 1.134 Meter hohen Kolovrats fiel die Spitzengruppe schnell auseinander, bis nur noch Bouwman, Schmid, Valter und Tonelli übrig blieben. Der Italiener war zwischendurch abgehängt, kämpfte sich aber im oberen Teil des Anstiegs wieder an die Spitze zurück.

Am Kolovrat macht Bouwman das Bergtrikot klar

Dahinter wurde am größten Hindernis des Tages auch das weiterhin von fünf Bora-Profis kontrollierte Feld ausgedünnt, wobei Eduardo Zardini (Drone Hopper - Androni Giocattoli) eine Attacke wagte, die aber nach relativ schnell vereitelt wurde. An der Spitze verdiente sich Bouwman durch unermüdliche Tempoarbeit redlich die 40 Punkte für den Bergpreis, wodurch er nur noch in Verona ankommen muss, um als erster Niederländer das Maglia Azzura mit nach Hause zu nehmen.

Im Feld sorgte mittlerweile Hindleys Helfer Wilco Kelderman für Tempo und führte das deutlich geschrumpfte Feld knapp acht Minuten hinter der Spitzengruppe über den Gipfel. Zu der hatte kurz nach der Bergwertung auch Vendrame wieder aufgeschlossen – doch nicht nur das, der Italiener setzte sogar einen, wenn auch erfolglosen Konter.

In der langen, kurvenreichen Abfahrt, in deren Verlauf das Feld auch wieder nach Italien zurückkehrte, büßte das Spitzenquintett nur wenig von seinem Vorsprung ein. Am Fuß des letzten Berges des Tages betrug der mehr als 8:30 Minuten. Mittlerweile hatte sich Bora – hansgrohe wieder in die zweite Reihe zurückgezogen, so dass Ineos Grenadiers die Verfolger in die sieben Kilometer lange und fast acht Prozent steile Schlusssteigung (2. Kat.) hinein führte.

Die “Großen Drei“ überlegen, aber ohne die letzte Entschlossenheit

Dort blieb die Spitzengruppe bis knapp drei Kilometer vor dem Ziel zusammen, ehe Bouwman ein erstes Mal seine Begleiter testete und Tonelli 500 Meter später konterte und so Vendrame in Schwierigkeiten brachte. Danach jedoch belauerten sich die fünf Spitzenreiter wieder, schließlich führte Schmid die Gruppe auf den Schlusskilometer und eröffnete den Sprint, der in der letzten scharfen Linkskurze seine frühe Zuspitzung fand.

Denn Bouwman zog hier außen an Schmid vorbei und machte ihm dabei die Tür zu. Der Quick-Step-Profi geriet ins Schlingern und kam dabei unbeabsichtigt Vendrame in den Weg, der so geradeaus fahren musste, um nicht zu stürzen. Bouwman dagegen nahm den Schwung aus der 90-Grad-Kurve mit und konnte schon frühzeitig seinen Sieg bejubeln.

Dahinter reduzierte Sivakov mit einer massiven Tempoverschärfung nicht nur die Favoritengruppe, sondern bereitete Carapaz eine Attacke vor, der zunächst nur Hindley und Landa folgen konnten. Zwar erwies sich das Trio auf den letzten drei Kilometern wieder als allen Gegnern überlegen, doch die ersten drei der Gesamtwertung taten danach nicht mehr als nötig und taktierten, so dass abgehängte Konkurrenten nicht nur wieder aufschließen konnten, sondern der Franzose Guillaume Martin (Cofidis) die Situation nutzte und sich sieben Sekunden Vorsprung auf die “Großen Drei“ herausfuhr.

Carapaz eröffnete schließlich kurz vor der letzten Kurve, durch die alle Favoriten gut durchkamen, den Sprint und erreichte mit den zeitgleichen Hindley und Landa am Hinterrad als Tagesachter 3:56 Minuten hinter Bouwman das Ziel.

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