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06.07.2022 | (rsn) - Im reifen Radsport-Alter von 35 Jahren hat Simon Clarke (Israel – PremierTech) nach einer 128 Kilometer langen Flucht über das gefürchtete Kopfsteinpflaster durch den französischen Norden seine erste Touretappe gewonnen. Aus einer vierköpfigen Spitzengruppe heraus sprintete der Australier auf den letzten Metern noch an seinem Fluchtgefährten Taco van der Hoorn (Intermarché – Wanty – Gobert) vorbei und feierte nach 157 Kilometern von Lille nach Arenberg den bisher größten Erfolg seiner Karriere.
“Am Morgen erzählte mir das Team, dass ich in die Fluchtgruppe gehen solle. Ich dachte mir, heute ist der Tag“, kommentierte Clarke seinen sensationellen Coup. Fast 20 Jahre, nachdem er von aus seiner Heimat nach Europa gegegangen war, um Radprofi zu werden, erfüllte sich der Routinier den großen Traum, endlich auch bei der Tour de France eine Etappe zu gewinnen.
Dabei stand er im Winter nach der Auflösung von Qhubeka – NextHash noch ohne Vertrag da. “Israel hat mir noch eine Chance gegeben und ich wusste, dass ich nun auch jede Chance ergreifen muss. So bin ich die ganze Saison gefahren, wollte aus jedem Rennen das Optimum rausholen“, erzählte Clarke, der nicht zu den ersten drei Ausreißern des Tages gehörte, dann aber mit Neilson Powless (EF Education – EasyPost) und Alexis Gougeard (B&B Hotels) noch zu van der Hoorn, Edvald Boasson Hagen (TotalEnergies) und Magnus Cort (EF Education – EasyPost) aufschloss. Das Sextett arbeitete gut zusammen und entging so auch dem großen Chaos auf den elf Pflastersektoren.
Pogacar Gewinner, Roglic Verlierer des Tages
Wie erwartet beutelte das Kopfsteinpflaster das Feld gewaltig und einige Fahrer vielen Stürzen oder Defekten zum Opfer. Schadlos hielt sich der zweimalige Toursieger Tadej Pogacar (UAE Team Emirates), der im Finale noch mit Jasper Stuyven (Trek – Segafredo) attackierte und einige Sekunden auf seine Kontrahenten ins Ziel retten konnte.
In der Gesamtwertung verteidigte Wout Van Aert (Jumbo – Visma) an einem schwarzen Tag für seine Mannschaft sein Gelbes Trikot knapp. Sowohl der Belgier als auch Kapitän Primoz Roglic waren in Stürze verwickelt, der Däne Jonas Vingegaard, im letzten Jahr Tour-Gesamtzweiter, fiel nach einem Defekt zurück. Letztlich verlor Vingegaard nur einige Sekunden auf Pogacar, dessen Landsmann Roglic büßte dagegen mehr als zwei Minuten ein und gehörte zu den großen Verlierern des Tages.
Lediglich Ben O’Connor (AG2R Citroen Team) und Bauke Mollema (Trek – Segafredo) erwischte es noch härter, beide verloren jeweils über drei Minuten auf Pogacar. Bester Deutscher Fahrer des Tages wurde Max Walscheid (Cofidis) auf Platz 13 direkt vor Maximilian Schachmann (Bora – hansgrohe). Auch der Österreicher Patrick Konrad (Bora – hansgrohe) erreichte das Ziel in Arenberg mit dem Feld um Vingegaard und Bora-Kapitän Aleksandr Vlasov. In der Gesamtwertung liegt Schachmann als bester deutscher Profi ebenfalls auf Rang 14.
Van Aert führt das Klassement jetzt mit 13 Sekunden Vorsprung auf Powless und 14 auf Boasson Hagen an. Der Norweger wurde vor dem US-Amerikaner in Arenberg Tagesdritte und verpasste nur knapp den vierten Tour-Etappensieg seiner Karriere. Pogacar ist mit 19 Sekunden Rückstand Gesamtvierter. Van Aert bleibt auch im Grünen Trikot, Pogacar baute seine Führung in der Nachwuchswertung aus.
So lief das Rennen:
Auch am fünften Tag trat das Peloton der diesjährigen Tour de France noch vollzählig zum Rennen an. Alle 176 in Kopenhagen gestarteten Fahrer nahmen am frühen Nachmittag im nordfranzösischen Lille auf trockenen Straßen die erste Pavé-Etappe im Rahmen einer Frankreich-Rundfahrt seit 2018 in Angriff.
Nach einer neutralisierten Phase über mehr als 13 Kilometer setzte durchaus überraschend Cort die erste Attacke. Dem Träger des Gepunkteten Trikots, der auf einer Etappe ohne Bergwertungen seine Bilanz nicht weiter aufstocken konnte, folgten Boasson Hagen und van der Hoorn (Intermarché - Wanty - Gobert). Bei der Jagd auf das Spitzentrio stürzte der mit großen Ambitionen gestartete Walscheid nach rund 15 Kilometern, als er eine Bodenwelle übersah, konnte das Rennen nach einem Radwechsel aber fortsetzen.
Besser lief es für Corts Teamkollegen Powless sowie Clarke und Gougeard, die bei extrem hohem Tempo – mit Rückenwind rund 51 km/ in den ersten beiden Rennstunden - nach gut 20 Kilometern den Anschluss an die Spitzengruppe schafften, die damit aus insgesamt sechs Profis bestand. Aus dem Feld heraus folgten zunächst keine weiteren Attacken, allerdings bekamen die Ausreißer in der Folge nur etwas mehr als vier Minuten Vorsprung zugestanden.
Den Zwischensprint nach 37,2 Kilometern sicherte sich in Mérignies kampflos van der Hoorn, Jakobsen entschied bei den Verfolgern den Sprint vor Van Aert und dessen Teamkollegen Christophe Laporte für sich.
95 Kilometer vor dem Ziel liegt das Gelbe Trikot auf dem Asphalt
Auf dem Weg zum ersten der insgesamt elf Sektoren, der knapp 80 Kilometer vor dem Ziel anstand, lösten sich diverse Teams an der Spitze des Feldes ab. Für Aufregung sorgte ein Sturz des Gelben Trikots 96 Kilometer vor dem Ziel, als Van Aert in einer Kurve zu Boden ging und schmerzhaft auf seine Schulter fiel. Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Steven Kruijswijk schaffte der Gesamtführende nach einer kurzen Aufholjagd knapp zehn Kilometer vor dem ersten Sektor wieder den Anschluss. Kurz zuvor wäre Van Aert um ein Haar sogar noch auf ein vor ihm fahrendes Begleitauto geprallt, als er sich mit Kruijswijk unterhielt.
Als es in Fressain à Villers-au-Tertre auf den ersten Pflasterabschnitt ging, betrug der Abstand zwischen Spitze und Feld noch gut drei Minuten und Jumbo – Visma hatte sich bei Tempo 60 ohne Van Aert an der Spitze des Feldes versammelt, aber auch Alpecin – Deceuninck, UAE Emirates, Intermarché – Wanty - Gobert und Bora – hansgrohe zeigten sich weit vorne.
Mit Peter Sagan (TotalEnergies) fiel nach einem Sturz in der letzten Kurve vor dem Sektor einer der Favoriten erst ans Ende des Feldes zurück und wurde schließlich ebenso wie O’Connor nach einem Defekt abgehängt, wogegen Pogacar den 1.400 Meter langen Sektor an zweiter Stelle durchquerte. An dessen Ende gingen Jack Bauer (BikeExchange – Jayco) und Mads Pedersen (Trek – Segafredo) in die Offensive, zugleich wurde Bora-Kapitän Aleksandr Vlasov durch einen Defekt gestoppt, fand aber schnell wieder den Anschluss. Das nun von Quick- angeführte Feld stellte das Duo nach einigen Kilometern aber wieder.
Pogacar und Vlasov aggressiv, Vingegaard mit Defekt, Roglic stürzt
Schon kurz vor dem 180-Grad-Richstungswechsel rund 57 Kilometer vor dem Ziel kehrte im Feld etwas mehr Ruhe ein, so dass sich der Vorsprung der Spitzengruppe bei rund 3:30 Minuten stabilisierte. Im zweiten Sektor sorgte Quick-Step durch Kasper Asgreen wieder für Tempo, schaffte es aber nicht, das Feld zu teilen. Im Sektor 8 verschärfte Jumbo - Visma das Tempo und sorgte dafür, dass zahlreiche Fahrer zurückfielen. Im darauf folgenden Sektor ergriff Ineos Grenadiers gut 40 Kilometer vor dem Ziel die Initiative, gefolgt von Pogacar, Vlasov und dessen Edelhelfer Nils Politt.
Dagegen fiel auch der hoch gehandelte Mathieu van der Poel (Alpecin – Deceuninck) bereits auf den letzten 37 Kilometern zurück, gleiches widerfuhr kurz darauf dem letztjährigen Tour-Zweiten Jonas Vingegaard, der nach einem Defekt das Rad wechseln musste. Dabei erhielt der Däne zunächst zwei Rennmaschinen von Teamkollegen, ehe ihm sein Ersatzrad zur Verfügung gestellt werden konnte.
Dagegen hielten Politt und Vlasov, der noch Danny van Poppel, Maximilian Schachmann und Patrick Konrad als Helfer an seiner Seite hatte, an der Spitze des immer kleiner werdenden Feldes, in dem sich auch noch Kletterspezialist Nairo Quintana (Arkéa – Samsic) befand, vor Pogacar das Tempo hoch, so dass der Rückstand gegenüber der Spitze 30 Kilometer vor dem Ziel kurz vor Sektor 5 auf unter zwei Minuten zurückging.
Bei Jumbo –Visma lief fast alles schief
Ehe es in die mit 2,8 Kilometer längste Pavé-Passage in Erre à Wandignies-Hamage hineinging, wurde das Feld durch einen Sturz am Ende eines Kreisels auseinander gerissen, bei dem Caleb Ewan (Lotto Soudal) und Roglic ein auf die Straße rollender Strohballen zum Verhängnis wurden. Im Sektor selber attackierten dann Alberto Bettiol (EF Education – EasyPost) und Pogacar. Am Ende der Passage betrug der Abstand zwischen Spitze und rund 35 Verfolgern weniger als eine Minute, die Gruppe um Vingegaard folgte eine weitere Minute dahinter, Roglic hatte sogar noch weitere 30 Sekunden Rückstand.
Im Sektor 4, in den die Spitzengruppe ohne den zuvor zurückgefallenen Gougeard eine Minute vor der Gruppe Pogacar hereingefahren war, waren es wieder der zweimalige Tour-Sieger und Schachmann, die für Tempo sorgten, ehe Jasper Stuyven (Trek – Segafredo knapp 20 Kilometer vor dem Ziel im Sektor 3 mit Pogacar im Schlepptau unwiderstehlich davon zog. Das Duo machte sich auf die Verfolgung der Ausreißer, konnte das Quintett auf den letzten Kilometern aber nicht mehr einfangen.
Dahinter schaffte die von Van Aert angeführte große Gruppe um Vingegaard auf den letzten sieben Kilometern kurz vor dem letzten Sektor in Hasnon à Wallers noch den Anschluss an die Gruppe um Vlasov. Fünf Kilometer vor dem Ziel konnte Cort hier nicht mehr seinen Begleitern folgen, die ihren Vorsprung gegenüber Stuyven und Pogacar wieder auf rund eine Minute ausbauen konnten.
Van Aert begrenzt den Schaden für sich und sein Team
An der 1000-Meter-Marke attackierte Powless seine Begleiter, doch der 25-Jährige hatte seine Attacke zu früh gesetzt, 500 Meter vor dem Ziel führte Boasson Hagen die kleine Gruppe wieder heran, ehe kurz darauf van der Hoorn den Sprint eröffnete. Der Giro-Etappengewinner der vergangenen Jahres musste dann aber kurz vor der Ziellinie den routinierten Clarke noch an sich vorbeiziehen lassen und verpasste denkbar knapp den größten Erfolg seiner Karriere.
Auf den letzten Kilometern spannten sich noch Van Aert und Christophe Laporte vor das Feld, um für Vingegaard zumindest noch den Rückstand gegenüber Pogacar zu verringen, wogegen Roglic abgeschlagen in der nächsten Verfolgergruppe festsaß. So gelang es Jumbo – Visma zmindest noch, den Schaden zu begrenzen, denn die 45 Fahrer starke Gruppe kam 13 Sekunden nach Stuyven und Pogacar ins Ziel. Dagegen betrug Roglics Rückstand auf den Sieger fast drei Minuten und gegenüber Pogacar 2:08 Minuten. Dagegen kam Vlasov zeitgleich mit Vingegaard ins Ziel und verbesserte sich auf Gesamtrang zwölf, zwei Positionen vor seinem Teamkollegen Schachmann, der jetzt bester deutscher Profi ist.
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