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24.01.2016 | (rsn) - Der schwere Unfall der Giant-Alpecin-Trainingsgruppe hat auch das deutschen Team Stölting, das sich auf Mallorca im Trainingslager befindet, schwer geschockt. "So etwas ist ganz bitter. Jeder, der ständig auf der Straße unterwegs ist, kann getroffen werden. Wir müssen froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Ich hoffe für alle Beteiligten, dass sie so schnell wie möglich wieder gesund werden und ins Renngeschehen zurückkehren können", erklärte Sportdirektor Jochen Hahn vor dem Interview, das er radsport-news.com im Trainingslager auf Mallorca gab.
Ihr Team Stölting bereitet sich hier in Portocolom auf seine erste Saison vor. Wie ist Ihr Fazit?
Jochen Hahn: Wir haben es optimal getroffen. Das Hotel ist ruhig und steht ganz alleine zu unserer Verfügung. Das Wetter ist gut. Alles bestens!
Dazu passt leider nicht die Nachricht, dass Stölting keine Einladung für Mailand-Sanremo bekommen hat, obwohl Gerald Ciolek das Rennen 2013 gewann...
Hahn: Ja, das macht uns etwas traurig. Sportliche Gesichtspunkte haben dort sicher nicht die einzige Rolle gespielt. Gerald ist in diesem Jahr sehr heiß und hätte sicher um den Sieg mitfahren können.
Welche Rennen könnten ihm stattdessen liegen?
Hahn: Wir werden uns jetzt hinsetzen und eine neue Planung machen. Er wird einige Klassiker fahren, damit er sich dort weiterentwickeln kann. Er bekommt dort alle Freiheiten. Und dann sehen wir mal!
Welche Rolle bekommt Linus Gerdemann?
Hahn: Die Rennen, die ihm liegen, wie im letzten Jahr die Luxemburg-Rundfahrt (die er gewann, d.Red), wird er als Kapitän bestreiten. Ansonsten wird er seine Erfahrung an die jungen Leute weitergeben. Das kann er wirklich sehr gut. Ich bin sehr froh, dass wir ihn in der Mannschaft haben."
Fabian Wegmann?
Hahn: Er ist jetzt der Zweitälteste bei uns. Er hat enorm viel Erfahrung und eine sehr positive Ausstrahlung auf die jungen Fahrer. Fabi kenne ich, seit er Schüler war. Er ist auch eine große Bereicherung.
Wird Wegmann in den Ardennen-Klassikern seine Chance bekommen?
Hahn: Da hoffen wir, größere Aussichten auf eine Wildcard zu haben. Denn das sind die Rennen, die uns liegen. Wenn wir dort fahren, wird er seine Rolle bekommen."
Zu den alten Hasen kommen die großen Talente wie Lennard Kämna. Was kann er mal erreichen?
Hahn: Wir sind da sehr zurückhaltend, weil wir ihn nicht unter Druck setzen wollen. Letztes Jahr hatten wir nur ein Ziel, das war das Abitur. Das hat er geschafft. Und sportlich war es auch nicht schlecht!
Ab jetzt gibt es für ihn nur noch Radsport?
Hahn: Er ist jetzt Profi. Jetzt geht's um's reinschnuppern und lernen, lernen. Ohne Druck, da kann ich mich nur wiederholen.
Es gibt auch Kritik, weil Lennard Kämna noch nicht in der WorldTour fährt.
Hahn: Es gibt im Moment die Tendenz, dass sich WorldTour-Teams junge Fahrer aus Etatgründen holen, weil sie nur das Mindestgehalt kosten. Dabei haben sie die Hoffnung, dass ein paar überleben.
Ein geschützter Bereich ist für Talente besser?
Hahn: Es gibt zwei Aspekte. Der eine ist physiologischer Natur. Wir sind ein Ausdauersport. Sich einzubilden, dass man da Wunder vollführen kann, ist aus meiner Sicht völlig unlogisch. Ich bin Physiker. Die Gefahr, dass junge Fahrer zu viel machen, ist viel zu groß. Für Lennard wäre es auch im Kontinental-Bereich noch okay gewesen. Es ist jetzt ein Glück für ihn, dass wir den Weg mit dem Pro-KT gehen können, wo er wirklich eine geschützte Position hat. Es ist nicht unmöglich, das auch in der WorldTour zu tun. Es ist aber unwahrscheinlicher, dass es funktioniert. Von Sponsoren in der WorldTour kam der Druck auf, Kämna zu holen. Aber auch Sportliche Leiter haben gesagt, es sei kompletter Wahnsinn, ihn jetzt in die WorldTour zu schicken."
Kann man richtig gute Ausdauerleistungen erst erbringen, wenn man älter ist?
Hahn: Wenn man es sauber machen will, muss man sich Zeit lassen. Natürlich hängt es auch von physischen Voraussetzungen ab. Aber gute Ausdauerleistungen haben immer etwas mit einer langsamen Belastungssteigerung zu tun.
Zu Indurains Zeiten hieß es, dass der Leistungshöhepunkt für Ausdauerleistungen mit 28 Jahren erreicht wird.
Hahn: Das ist ein Durchschnittswert. Die Sportwissenschaft hat sich nicht geändert, der Körper ist auch 20 Jahre später noch der gleiche.
Nur mit Unterstützungsmitteln kann man das beschleunigen?
Hahn: Ja, das war ein Weg, aber nicht meiner.
Sie waren Physiker, was genau haben Sie gemacht?
Hahn: Ich habe Physik studiert und als Physiker im Bereich der Opto-Elektronik gearbeitet. Aber nur bis zur Wende (1989/90, d. Red.).
Was heißt Opto-Elektronik?
Hahn: Das letzte, was ich gemacht habe, war die Entspiegelung von Flüssigkristall-Displays im VEB-Werk für Fernsehelektronik. Ich war dann bei vollen Bezügen freigestellt und habe als Rad-Amateur die Welt gesehen.
Welche weiteren Talente gibt es neben Kämna im Stölting-Team?
Hahn: Mads Pedersen, Sven Reutter, Jonas Tenbrock. Außerdem Rasmus Guldhammer, der aber schon älter ist. Der ist ja schon im letzten Jahr bei einigen WorldTour-Rennen unter die besten Zehn gefahren. Von allen werden wir hoffentlich noch viel hören!"
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