RSNplus“Das schlechte Image war schon immer Schwachsinn“

Wagner liegt seine White Jersey Group besonders am Herzen

Von Kevin Kempf von den Ytti Hills

Foto zu dem Text " Wagner liegt seine White Jersey Group besonders am Herzen"
Robert Wagner ist im Oman Sportlicher Leiter bei Visma - Lease a Bike. | Foto: Kevin Kempf

09.02.2026  |  (rsn) – Im Oman tritt Visma – Lease a Bike mit dem Sportlichen Leiter Robert Wagner an – und das heißt in diesem Jahr meist eins: Es ist Zeit für die White Jersey Group der Niederländer. ”Das sind die Jungen Wilden“, erklärte der gebürtige Magdeburger gegenüber RSN. Ganz den Kern des Ganzen traf er mit dieser kurzen Zusammenfassung aber nicht, denn die Gruppe ist mehr als eine Ansammlung von Jungspunden.

“Das beinhaltet die Fahrer im Development Team, aber auch die Fahrer, die wir schon ins WorldTeam entsendet haben und die da vielleicht so ein bis drei Jahre fahren. Ben Tulett zum Beispiel fährt schon eine Weile in der WorldTour, aber auch er gehört noch zur White Jersey Group“, führte Wagner aus. Tulett ist 24 Jahre alt und geht in seine sechste Saison auf dem höchsten Niveau. Auch der 26-jährige Neoprofi Anton Schiffer und der 27-jährige Franzose Axel Zingle, der sein viertes WorldTour-Jahr in Angriff nimmt, gehören dazu.

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“Wir haben uns Rennen rausgesucht wie die Coppi e Bartali und die Tour of Oman, wo wir vor allem mit den Jungen Wilden antreten wollen“, so Wagner. Damit sollen die jungen und unerfahrenen Athleten weiter an die Spitze des Sports herangeführt werden. “Das heißt aber nicht, dass in diesen Wettkämpfen keine Älteren dabei sind. Hier ist Sepp Kuss zum Beispiel auch dabei“, meinte der Deutsche. Kuss ist 31 und fungiert bei der Tour of Oman als Leader für die ansonsten jugendliche Truppe. “Ich habe schon gesagt, dass der zur Grey Jersey Group gehört“, scherzte Wagner.

Robert Wagner am Start der 2. Etappe der Tour of Oman | Foto: Kevin Kempf

Die Nachwuchsarbeit liegt Wagner besonders am Herzen. Seine Karriere im Teamfahrzeug begann er beim Development Team von Visma. Und deswegen ärgert es ihn, dass sein Arbeitgeber einen schlechten Ruf hat, was Nachwuchsförderung betrifft. “Wir haben so den Stempel, dass bei Visma nichts geht. Das ist der allgemeine Tenor, dass man besser nicht hier her kommt, weil man sowieso keine Chance bekommt.“

Die Geschichte widerlegt das Image

Dass die Niederländer dieses Image haben, ist überraschend. Ein Drittel des aktuellen Visma-Kaders wurde im eigenen Nachwuchsteam ausgebildet. Das hat schon einige Stars hervorgebracht, zuletzt den zu Saisonbeginn zu Decathlon abgewanderten Olav Kooij und letzte Saison Matthew Brennan. Gerade dessen Aufstieg 2025 war spektakulär. “Er hat letztes Jahr bei uns im Devo Team angefangen, dann den Vertrag fürs WorldTour-Team unterschrieben“, erinnerte sich Wagner.

“Er wollte aber noch ein Jahr Devo Team fahren. Der Sprung aufs höchste Niveau ist nämlich doch noch mal extrem. Damit hatte er nicht unrecht, aber der Kerl hat sich selbst vielleicht ein wenig unterschätzt“, so der Sportliche Leiter. “Er ist mit Lillers und Comunes in Frankreich gestartet und hat die gewonnen, als ob es kein Morgen gäbe. Dann sind wir mit ihm halt zwei Level höher gefahren: Grand Prix Denain. Eingetütet.“

Nach zwei Siegen auf 1.2- und einem auf 1.Pro-Niveau änderte sich der Status des damals 20-Jährigen. “Dann haben wir gesagt, dass wir den Circuit des Ardennes besser mal weglassen. Dann hat sich die Möglichkeit ergeben in der Katalonien-Rundfahrt – und da hat er dann drei Etappen gewonnen.“ Ein Shootingstar war geboren und ist der White Jersey Group schon in jungem Alter entwachsen. Doch das schlechte Ausbildungs-Image der Mannschaft blieb bestehen.

Nach Chancen schauen, Chancen nutzen

“Das war schon immer Schwachsinn, aber das rennt uns irgendwie hinterher. Patryk Goszczurny und Axel Zingle, die können hier einfach fahren, die lassen wir machen“, blickte Wagner wieder auf den Oman. Dort war Zingle allerdings mit Krankheit ausgefallen, bevor es überhaupt losging. Der Pole aber nutzte seine Chance, war auf der 1. Etappe der Tour of Oman Teil der Dreiergruppe des Tages und sicherte sich darauf das Trikot des Angriffslustigsten Fahrers und – Nomen est Omen – das Weiße Trikot.

Patryk Goszczurny (Visma – Lease a Bike) im Weißen Trikot – von seiner am Sonntag besseren Seite fotografiert | Foto: Kevin Kempf

“Wie sagt der Holländer? ‘De één zijn dood is de ander zijn brood‘“, fasste Wagner die Situation zusammen. Des einen Tod, des anderen Brot. Des einen Leid ist des anderen Freud. “Wir schauen wir immer nach Chancen - und das war gestern eine für Patryk. Das Trikot des angriffslustigsten Fahrers wollen wir jetzt auch gewinnen und heute kann er beweisen, dass er in eine Gruppe kommt und das Trikot eintütet“, sagte Wagner am Start der 2. Etappe. Sein Schützling machte das wahr und war erneut Teil der Ausreißergruppe.

Doch für den Gastfahrer läuft trotzdem nicht alles nach Plan. Bei der Siegerehrung am Vortag wurde deutlich, dass der 19-Jährige sich böse hinter beiden Ohren verbrannt hatte. Die Rötung sorgte nicht nur bei Zuschauern und Journalisten für Gesprächsstoff, auch teamintern war sie aufgefallen. “Sepp Kuss hat ihm gerade schon gesagt, dass wir ihn am besten erst Sandstrahlen. Dann machen wir die erste Lage drüber und dann sie zweite, sodass das richtig schön klebt“, lachte Wagner. “Der hat’s bei der Muscat Classic versaut. Gestern hatte er sich zwar eingecremt, aber nicht genügend. Einmal Wasser drüber übern Kopf und dann war’s das.“

Sportliche Lehrer

Ein Lehrmoment für Goszczurny, aber genau darum geht es ja bei der White Jersey Group. “Es gibt ein paar Grundprinzipien, die wir haben. Der erste Grundsatz ist, dass wir selbstdenkende Rennfahrer ausbilden. Dazu gehört, dass ich als Sportlicher Leiter nicht alles vorquatsche, dass sie selbst erfahren, wie es ist, wenn man mal in der Gruppe ist oder eine zurückholen muss“, sagte Wagner. “Was auch dazu gehört, ist zu lernen, wie man ein Trikot verteidigt. Da kommt dann doch schon mal ein bisschen Druck auf die Schulter.“ Und manchmal zu viel Sonne hinter die Ohren.

Wagner ist derjenige, der die meisten Rennen der Gruppe als Sportlicher Leiter begleiten wird. Das heißt aber nicht, dass er alleinverantwortlich für sie ist. “Wir haben da eine ganz enge Zusammenarbeit zwischen Devo- und WorldTour-Team. Mein Mentor und Chef Robbert de Groot ist Head of Development und wir sind eigentlich tagtäglich im Austausch und mit Grischa (Niermann) habe ich natürlich auch eine kurze Leitung“, erläuterte der Sachsen Anhalter.

Sprechende Beine

Auf die Frage, wer nach Brennan als nächster der White Jersey Group entwachsen könnte, hielt sich der 43-Jährige etwas zurück. “Ich hatte Nordhagen schon mal erwähnt“, sagte er. “Aber ich will da keinen Stempel draufdrücken. Jeder kann – auch aus dem Development Team – mit den Beinen sprechen. Und dann wirst du auch eingesetzt. Es bieten sich immer Möglichkeiten. Wir hoffen, wenn wir an Bergfahrer denken, dass Nordhagen und Tulett den nächsten Schritt setzen können“, legte er sich dann doch fest.

Seinen ersten Profisieg feierte Cian Uijtdebroeks ausgelassen. | Foto: Cor Vos

Die Karriere des Briten verläuft nicht in einer geraden Linie, deswegen ist er wohl weiterhin Teil der Jungen Wilden. Nach starken Resultaten bei Alpecin zu Beginn seiner Laufbahn wurden die Ergebnisse bei Ineos Grenadiers schlechter. Jetzt geht er in sein drittes Jahr bei Visma – und letzte Saison machte er bergauf einige Male Eindruck. “Tulett haben wir letzten Jahr explizit in Rennen wie Coppi e Bartali reingelegt. Die Jungs müssen teilweise wieder lernen, Siege einzufahren.“

Nicht nachtreten, sondern noch mal deutlich machen

Das galt auch für Cian Uijtdebroeks, der das Team in Richtung Movistar verlassen hat. “Er ist von den Junioren direkt in die WorldTour gewechselt. Er war dann bei der Vuelta Achter, hatte aber nie ein Rennen gewonnen“, resümierte Wagner. Das änderte sich nach eineinhalb schwierigen Jahren bei Visma im Herbst der letzten Saison. “Bei der Tour de l’Ain hat es zum ersten Mal geklappt“, so Wagner. Der junge Belgier hatte sich dort eine Etappe und die Gesamtwertung gesichert.

Bei Bora hatte es mit dem ersten Profisieg in zwei Saisons nicht geklappt. “Aber Visma ist so schlecht und die geben die keine Chance…“, erinnerte Wagner noch einmal an das Image seiner Mannschaft. “Ich will ja eigentlich nicht nachtreten, aber ich will schon deutlich machen, dass manche den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Es ist ein Riesenpotenzial da, weil sie aber in der Juniorenkategorie so stark waren, dass sie allen weggefahren sind, haben sie nie gelernt, taktisch zu fahren“, erläuterte er das Problem vieler Toptalente.

“Aber in der WorldTour kommt die Crème de la Crème zusammen und da können dann doch ein oder zwei andere auch Radrennen fahren. Und die sind dann vielleicht taktisch besser. Deswegen haben wir die White Jersey Group – um sich taktisch weiter zu schulen und um in Situationen zu kommen, die die Fahrer vielleicht nicht kennen.“ Und mit einem Sportlichen Leiter wie Wagner, einem Grauen Trikot wie Kuss als erfahrener Haudegen im Rennen und einer guten Dosis Sonnencreme sollte dieser Ausbildung nichts mehr im Wege stehen.

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