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08.02.2026 | (rsn) – Seit Grischa Niermann 1998 zu Rabobank kam, hat der niederländische Rennstall ununterbrochen mindestens einen deutschen Fahrer unter Vertrag. Auch jetzt, inzwischen unter dem Namen Visma – Lease a Bike, finden sich zwei Deutsche im World- und einer im Development-Team. RSN sprach mit dem Sportlichen Leiter Robert Wagner, selbst von 2013 bis Ende 2018 bei der Mannschaft als Sprinter aktiv, über dieses Trio und darüber, warum der Rennstall immer wieder deutsche Fahrer verpflichtet.
Denn Niermann war nicht der Erste. Die Geschichte begann in den Achtzigern mit Rolf Gölz, der 1987 – drei Jahre nach Gründung des Teams - zu Superconfex wechselte. 1989 bekam er für eine Saison Unterstützung von Peter Gänsler. 1990 verließ er Buckler, wie das Team inzwischen hieß, in Richtung Italien. Mitte der 90er kam dann Sven Teutenberg, der 1994 mit Wordperfect und 1995 mit Novell auf dem Trikot für die Niederländer in die Pedale trat. Doch erst drei Jahre danach wurde die Mannschaft, seit 1996 Rabobank, zu einem ständig besetzten "deutschen Außenposten".
Robert Wagner (links) und Grischa Niermann hatten im Visma-Teamfahrzeug auf der 1. Etappe der Tour of Oman Zeit für Scherze. | Foto: Kevin Kempf
Niermann selbst hielt bis 2012 die Stellung. 2003 und 2004 bekam er Gesellschaft von Robert Bartko, von 2008 bis 2021 gehörte Paul Martens zum Team, von 2013 bis 2018 gemeinsam mit Wagner zusammen. 2019 machte Tony Martin aus dem Duo ein Trio, in dem 2020 Wagner durch Christoph Pfingsten ersetzt wurde. Der blieb wie Martin und Martens bis 2021 – das Jahr, in dem Michel Heßmann vom Nachwuchsteam kam, wo über die Jahre mit Maurice Ballerstedt, Ruben Zepuntke und Rick Zabel ebenfalls einige Deutsche aktiv waren. Nachdem Heßmann den Rennstall nach einem positiven Dopingtest aus dem Jahr 2023 verlassen musste, kam 2025 der damalige U23-Weltmeister Niklas Behrens hinzu. Und zu dem gesellte sich Anfang dieser Saison noch Anton Schiffer.
Doch die Nationalität gibt bei Visma-Verpflichtungen nicht den Ausschlag. “Die Fahrer, die bei uns fahren, sind wegen ihres Potenzials gescoutet worden. Die Flagge war bis dato immer egal“, versicherte Wagner. Und so kam auch der als "Wattmonster" bekannte Schiffer in die Niederlande – und zwar eigentlich schon Ende der letzten Saison. “Er sollte für uns China (Tour of Guangxi, d. Red.) fahren, aber das ging von UCI-Seiten nicht. Den Vertrag hatte er aber im Oktober schon bekommen. Anton wurde gescoutet auf Basis seiner Ergebnisse und Daten.“
Und die waren 2025, als Schiffer für das deutsche Kontinental-Team Bike Aid fuhr, ausgezeichnet. Der 26-Jährige wurde Zweiter der Tour of Hellas (2.1), holte Bronze bei den Deutschen Straßenmeisterschaften und wurde mit einem Etappensieg Vierter der Sibiu Tour (2.1). Damit zog er nicht nur die Aufmerksamkeit von Visma auf sich. “Dann guckt man hinter die Kulissen. Wie setzt sich das zusammen? Was macht der Junge? Was ist das für ein Typ? Und dann spielt natürlich auch eine Rolle, was jemand kostet. Und auf Basis davon ist man zusammen gekommen. Anton hatte Bock drauf, wir hatten Bock drauf“, erklärte Wagner rückblickend.
Anton Schiffer war bei der Tour Down under mit seinem Einstand bei Visma - Lease a Bike zufrieden. | Foto: Cor Vos
Von der dritten in die erste Liga des Radsports ist es aber ein großer Sprung, auch wenn Schiffer 2025 bewiesen hat, dass er sich mit WorldTour-Profis messen und die sogar bezwingen kann. Doch während er bei Bike Aid sein eigenes Ding machen konnte, fährt er bei Visma unter anderem an der Seite von zwei Grand-Tour-Gewinnern. “Seine Rolle werden wir in den nächsten Rennen noch herausfinden. Anton wird bei uns in der White-Jersey-Gruppe, den Jungen Wilden, sehr viel unterwegs sein. Das heißt, es ergeben sich für ihn sehr viele Chancen, selbst zu erfahren, wie es ist, auf Etappen und GC zu fahren. Dann ist es an ihm, die zu ergreifen“, sagte Wagner über den Neuzugang.
Dass Simon Yates, der dritte Sieger einer dreiwöchigen Rundfahrt im Kader der Mannschaft, seine Karriere Anfang Januar überraschend beendet hat, ändert für Schiffer laut seinem Sportlichen Leiter nicht viel. “Wir haben ein Programm gemacht. Darin gibt es durch Simon jetzt kleine Veränderungen für den einen oder anderen. Für Anton kann das bedeuten, dass er vielleicht noch ein Rennen mehr oder weniger fährt oder das eins ausgetauscht wird. Das gucken wir uns noch mal an.“
Gar keine Auswirkungen sollt Yates‘ Ausscheiden dagegen für Behrens haben. Der U23-Weltmeister von 2024 ist auf anderem Terrain zu Hause als der zweimalige GT-Sieger und hat nach einer schweren ersten Saison bei den Profis im Jahr 2026 noch keinen Renneinsatz absolviert. “Niklas haben wir im Winter bewusst etwas mehr Zeit gegeben, so dass er die Basis gut aufbauen kann. Er hat ein unheimliches Pechjahr gehabt“, so Wagner.
“Er hat damals hier im Oman sehr gut für Olav Kooij gearbeitet und hat sich dann bei der UAE Tour das Schlüsselbein gebrochen. Dann ging das Ganze los. Vom Schlüsselbeinbruch ging er in eine Erkältung, dann in eine Covid-Erkrankung, in einen Sturz. Eigentlich war er immer im Aufbau. Dann ist er Roubaix gefahren, stürzte auch da. Es gab noch mehr Stürze – letztes Jahr war wirklich ein Pechjahr.“
Zum Ende der Saison kam Behrens dann doch noch in Fahrt. Bei der Slowakei-Rundfahrt (2.1) hielt er dreimal in den Spurt rein, war dabei meist viel zu früh im Wind, schaffte es aber trotzdem immer unter die besten Sieben. “Niklas ist kein Massensprinter, aber er war da für uns die beste Option im Sprint“, erinnerte sich Wagner. “Das war auch ein White-Jersey-Race. Wenn dann kein Leader da ist, dürfen die Jungs auch etwas ausprobieren. Die sind da, um zu lernen“, fügte er an.
Bei der Slowakei-Rundfahrt lief es für Niklas Behrens (links) schon wieder ziemlich gut. | Foto: Cor Vos
So ist Behrens vergeben, dass er seinen Sprint oft viel zu früh lancierte. “Niklas ist noch relativ jung im Radsport. Er kommt vom Triathlon und hat dann in die Rundstreckenrennen reingeschnuppert. Da hat er alle zersägt“, blickte der 42-Jährige zurück. Der Aufstieg ging rasant weiter. “Aufgrund dessen hat Storck ihn sich gegriffen. Für die hat er bei der Flanders Tomorrow Tour gleich mal eine Etappe gewonnen. Dann kam Lidl ins Spiel, wo er ein grandioses erstes Jahr gefahren ist“, fasste Wagner die Saison 2024 zusammen.
Bis dahin ging es für Behrens steil bergauf. “Aber jetzt ist es WorldTour, da liegt das Niveau wirklich noch mal drei Kategorien höher. Das muss man - gerade bei dem Pech - erst mal verkraften. Deswegen soll er eine gute Basis legen. Momentan ist er im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada. Die fahren da gerade mehr Schlitten und Ski als Rad…“, scherzte Wagner.
Wenn er aus Spanien zurückkehrt, soll der Jungprofi in Belgien seinen Saisoneinstand geben. “Hoffentlich bleibt er gesund und dann soll er Kuurne, Samyn und Denain fahren. Die letzten beiden sind White-Jersey-Rennen, die ich dann begleite. Da kann auch Niklas zeigen, dass er da ist“, so Wagner.Â
Kuurne-Brussel-Kuurne (1.Pro) ist Teil zwei des Openingsweekends und wird am 1. März ausgetragen. In den Rennen in Flandern und Umgebung soll der 22-Jährige auch in Zukunft glänzen: “Niklas ist für von den Werten und vom Körper her die Klassiker prädestiniert. Dafür brennt er.“
Nach dem Abgang von Linda Riedmann zu Lotto – Intermarché findet sich nur noch ein weiterer Deutscher in den anderen beiden Visma-Teams: Ian Kings. Der 19-Jährige wechselte 2025 von den Junioren zu Visma – Lease a Bike Development und konnte da in der ersten Saison keine Bäume ausreißen. “Bis zum Mai oder Juni musste er Abi machen“, lieferte Wagner eine Erklärung, die auch für andere Talente gilt. “Wir haben einige Fahrer, die die Schule zu Ende machen müssen. Die Jungs sind ja oft noch 17 oder 18. Ian hat das erfolgreich abgeschlossen. Seitdem geht es gut aufwärts“, sagte er weiter.
Ian Kings fuhr letztes Saison schon für Visma - Lease a Bike Development. | Foto: Cor Vos
Der Teenager hat einen guten Winter hinter sich. “Ian kommt jetzt ins zweite U23-Jahr und hat sich von seinen Daten enorm verbessert. Er ist jetzt frei und hat keine Doppelbelastung. Er ist jetzt wirklich Radprofi“, meinte Wagner über den U23-Fahrer, der zwar noch keinen Profivertrag unterschrieben hat, aber wie ein Berufsradfahrer trainieren und leben kann.Â
Und mit diesen Möglichkeiten soll die Reise jetzt weiter gehen. “In der Juniorenklasse war er zweimal Deutscher Meister und auch international ist er immer vorn mitgefahren. Es ist irgendwo schon das Ziel, dass er sich da weiterentwickeln kann“, urteilte Wagner über Kings, der bei der Junioren-WM im Kampf gegen die Uhr 2024 Fünfter geworden war.
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