Auch Heidemann nicht dabei

Zwei Plätze bleiben leer: Deutschland zu viert ins WM-Straßenrennen

Von Sebastian Lindner

Foto zu dem Text "Zwei Plätze bleiben leer: Deutschland zu viert ins WM-Straßenrennen"
Jonas Rutsch (li.) und Georg Zimmermann sind zwei von vier deutschen Startern im WM-Straßenrennen. | Foto: Cor Vos

26.09.2025  |  (rsn) – Die Weltmeisterschaften in Ruanda, sie sind in vierlerlei Hinsicht speziell. Das gilt in besonderem Maße auch für German Cycling. Dass dem Verband die erste medaillenlose WM droht, seit 2011 wieder alle Altersklassen gemeinsam in einer Veranstaltung organisiert sind – die verkürzte Corona-WM 2020 ausgeschlossen – ist dabei nur eine Folge des eigentlichen Problems, dass sich am deutlichsten bei den Elite Männern zeigt. German Cycling kann 2025 nicht seine besten Fahrer in die Rennen schicken. Nicht mal genügend, um die vorhandenen Startplätze auszuschöpfen.

Im Straßenrennen der Männer sind mit Felix Engelhardt, Jonas Rutsch, Georg Zimmermann und Marius Mayrhofer lediglich vier Deusche dabei. So spärlich vertreten war die deutsche Elite bei einer Weltmeisterschaft in der Nachkriegszeit noch nie. Dabei standen German Cycling sechs Startplätze zur Verfügung. Selbst Ruanda – in der Rolle als Gastgeber aber nachvollziehbar – und Eritrea sind stärker vertreten. Mit Blick nach Europa zum Beispiel aber auch Irland.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Und abgesehen von den diversen Herausforderungen, die dabei die Wahl des Ausrichterlandes mit sich bringt, beginnen sie bei krankheitsbedingten Problemen, die German Cycling schon von Tag 1 der Welttitelkämpfe begleiten. Durch die kurzfristige Absage von Maximilian Schachmann blieb schon im Einzelzeitfahren ein Startplatz frei. In der Mixed-Staffel musste U23-Starter Louis Leidert die Lücke füllen, die viel zu groß für ihn war. Aber auch eine Woche später wird Schachmann nicht ersetzt. Zeit- und Organisationsprobleme können da nicht mehr als glaubhafte Entschuldigung angeführt werden.

Die Gründe für  Lipowitz-Absage

“Die Frage für mich war im Vorfeld: Wer hat von den 36 deutschen WorldTeam- und Pro-Conti-Fahrern überhaupt das Potenzial, solche 270 Kilometer zu bewältigen?“, sagte Bundestrainer Jens Zemke auf der Pressekonferenz des Verbandes am Donnerstag in Kigali. “Und da blieben am Ende der Saison nur vier Mann übrig.“ Dass dies allenfalls die halbe Wahrheit ist, weiß Zemke selbst. Allein die Ausfälle von Schachmann und auch Florian Stork wären da zu nennen. Emanuel Buchmann, Lennard Kämna, Marco Brenner, Nico Denz, Ben Zwiehoff und nicht zuletzt Florian Lipowitz – Deutschland hat durchaus Fahrer, die sich auf schwerem Terrain zurechtfinden. Kaum vorstellbar, dass alle vom Großereignis im Wettkampfkalender überrumpelt wurden.

"Es gibt durchaus die Situationen, dass die Fahrer gerne zur WM fahren würden, die aber nicht kommen können, weil sie für ihre Teams zum Beispiel noch wichtige Weltranglistenpunkte bei den ausstehenden Rennen holen sollen“, fügte Zemke dann auch erklärend an. “Das finde ich schade.“ Im Fall von Lipowitz, der nach seiner Vorstellung bei der Tour de France zum Kreis der Medaillenanwärter hätte zählen können, konkretisierte der Bundestrainer: “Wir haben schon früh in der Saison mit seinem Trainer über die WM gesprochen und der hatte sich für eine Teilnahme von Florian ausgesprochen. Auch mit Florian hatten wir diesbezüglich engen Kontakt und nach der Tour meinte er zu mir, dass er, für mögliche Medaillenchancen in Ruanda, nochmals in die Höhe gehen müsste. Dazu fühlte er sich aber nach der langen, harten Saison nicht mehr in der Lage.“

Die lange und harte Saison steckt aber nicht nur den Deutschen in den Knochen. Auch Tadej Pogacar ist seit Februar im Rennmodus, fuhr danach die Klassiker, die Tour. Und jetzt will er Weltmeister werden. Auch Profis mit weniger Überflieger-Potenzial gehen an den Start. Nun ist Lipowitz der Letzte, der als Sündenbock herhalten sollte. Mit seinem Gesamtrang drei bei der Tour, die in Deutschland eine neue Radsport-Begeisterung auslöste, hat er mehr für German Cycling getan als es eine WM-Medaille hätte tun können.

EM-Vorbereitung statt WM-Straßenrennen für Heidemann

Ohnehin geht es aber nicht darum, irgendeinen Fahrer für die Situation verantwortlich zu machen. Auch nicht Miguel Heidemann. Denn auch er wird nicht im Straßenrennen an den Start gehen, was den zweiten nicht genutzten Startplatz im deutschen Aufgebot erklärt. “Wir haben uns entschieden, dass Miguel besser beim Zeitfahren und dem Mixed-Relay für die kommende EM aufgehoben ist. Er wird jetzt zurückreisen, um dafür nochmal gezielt trainieren zu können. Unsere Chance, dort ein gutes Ergebnis zu erzielen ist größer, als mit ihm hier im Straßenrennen“, erläuterte Zemke die Entscheidung, die mit der fragwürdigen Terminierung von Welt- und Europameisterschaften in zwei aufeinanderfolgenden Wochen auf zwei unterschiedlichen Kontinenten einen weiteren Punkt, wenn auch nicht den entscheidenden, für die Engpässe im Kader anreißt.

Um bei künftigen Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen nicht wieder in Nominierungsnot zu geraten, will German Cycling seine Herangehensweise ändern. “In Zukunft wollen wir das anders angehen und haben dafür auch schon ein Projekt im Kopf“, so Zemke. “Anfang des Jahres möchten wir schon überlegen und benennen, wer bei der WM dabei ist – mit dem längerfristigen Ziel, Weltmeister zu werden. Dann werden auch schon die Teams der Fahrer darüber informieren, ob sie bei diesem Plan mitziehen.“

Zemke hat “motivierte Fahrer mit gutem Mindset vor Ort“

Natürlich werden die Verantwortlichen im Verband wissen, dass auch diese Vorgehensweise ihre Tücken mit sich bringt. Verletzungen und Krankheiten lassen sich damit noch schlechter ausschließen. Dazu kommt eventuelle Formschwäche. Außerdem wird noch nicht jeder Profi sein Rennprogramm für das ganze Jahr kennen. Und dagegen, dass ein Fahrer oder ein Team seine Meinung ändert, ist German Cycling damit auch nicht gefeit, denn festnageln wird sich kaum ein Protagonist auf eine anfängliche Zusage lassen. Eine gewisse Reserve muss also auch eingeplant werden, die dann kurzfristig reagieren muss. Allzu viel wird das also auch nicht ändern.

Letztlich ist das aber noch Zukunftsmusik. Und so geht der Blick dann doch erst nochmal auf das Straßenrennen von Kigali am Sonntag. Und da lässt Zemke auf sein Quartett nichts kommen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz: “Ich bin umso glücklicher, motivierte Fahrer mit einem guten Mindset hier vor Ort zu haben. So, wie die Jungs in den letzten Wochen gefahren sind, kann man gut an der Moral arbeiten und sagen: Uns gibt es.“

Das Aufgebot von German Cycling für das WM-Straßenrennen von Kigali:

Felix Engelhardt (Jayco – AlUla)
Jonas Rutsch (Intermarché – Wanty)
Marius Mayrhofer (Tudor)
Georg Zimmermann (Intermarché – Wanty)

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