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12.04.2019 | (rsn) - Hallo zu einer neuen Episode meines Tagebuchs. Heute werde ich mich etwas kurzhalten, da mich die Etappe doch sehr mitgenommen hat. So ist zumindest der Plan.
Das Frühstück lief ähnlich wie die letzten Tage ab, es wurde reingeschaufelt was wir in unserer Nähe finden konnten, obwohl der Appetit bei mir persönlich nicht sehr groß war. Ich hatte eine anstrengende Nacht hinter mir, konnte kaum schlafen, da mir im Wechsel entweder total kalt oder aber extrem heiß war. Ich dachte schon, ich habe meinem Körper eventuell etwas zu wenig Energie zugeführt und machte mir nachts um 01:00 Uhr noch eine Packung Gummibärchen auf. Auch die half leider nicht.
Dementsprechend „gut“ erholt ging es dann auch zum Rennen. Es stand wieder ein Transfer an, allerdings haben sich die Organisatoren wohl etwas verrechnet, so dass wir gute 2h vor dem Start schon dort waren. Wir zogen uns also in aller Ruhe um, tranken den üblichen Kaffee vor dem Rennen und irgendwann ging es dann auch schon los.
Heute sollte die letzte schwerere Etappe anstehen, allerdings war es schwer einzuschätzen wie schwer sie wirklich sein würde, da wir uns damit schon häufiger getäuscht hatten. Heute leider nicht, es war der Horror.
Anfangs versuchten wir alle in eine Spitzengruppe zu kommen, allerdings hatten wir auch heute kein Glück. Die Spitzengruppe ging aus einem Konter auf eine Attacke von Matthias Plattner hervor, leider verschlief hier der neuseeländische Matias mitzugehen. Das Rennen lief über die erste Bergwertung und ich fühlte mich zwar nicht sonderlich gut, allerdings konnten wir alle noch im Feld über den Berg fahren. Als es dann in den Gegenanstieg ging, begann das große Leiden.
Ich konnte schon bald dem Tempo der Spitze nicht mehr folgen, Matthias und Basti blieben bei mir, um mich wieder zurückzubringen, oder aber, weil sie selbst auch nicht mehr konnten. Ich hatte keine Zeit nachzufragen. Der Eidgenosse fuhr von vorne ein gutes Tempo, sodass wir über die Kuppe zumindest in das erste große Gruppetto aufschließen konnten.
Als kurz darauf der nächste Anstieg kam, wurde mir klar: Es ist wohl einer der schwärzesten Tage auf dem Rad, die ich jemals hatte.
Ich konnte dem Tempo des Gruppettos nicht mehr folgen, es waren aber noch über 120km bis ins Ziel. Irgendwie kam ich nochmals zurück, auch dank der Hilfe der wenigen Begleitfahrzeuge, die hinter dem Gruppetto blieben und mir etwas Windschatten spenden konnten. Blöd war nur, zwei andere Fahrer, die mit mir abgehängt wurden, nahmen aus dem Auto eine Trinkflasche an, welche sehr stark zu kleben schien, da die Betreuer im Auto erst ihre Hände davon befreien konnten, als die jeweiligen Schützlinge wieder zurück in der Gruppe waren. Ich tat mir da etwas schwerer, da unser Begleitfahrzeug hinter der ersten großen Gruppe fuhr um Matias, welcher sich über die Berge vorne halten konnte, im Falle eines Defekts aushelfen zu können.
Ich kam also zurück, aber ab da wollte ich nur noch, dass es aufhört. Ich verlor den Anschluss noch weitere 4-5-mal, unter anderem einmal, als unsere russischen Freunde, das Gruppetto auf die Windkante nahmen. Meiner Meinung nach sind das alles Herzensbrecher! Als dann auch noch mein Magen anfing zu rumoren, nahm mir das die letzte Moral. Matthias erkannte dies allerdings und redete mir gut zu. Irgendwie schaffte ich es jedes Mal wieder zurück in die Gruppe und schlussendlich noch ins Ziel.
Ich war selten so froh, die 10-Kilometer-Marke zu sehen. Ein Algerier, der zuvor sehr wenig in der Führung war und mir deshalb mehr als nur unsympathisch, übernahm die Führung und führte unsere Gruppe dann bis ca. 200m vor dem Ziel (ein paar Marokkaner meinten tatsächlich noch sie müssen uns zeigen wie man einen richtigen Gruppetto-Sprint fährt), ist mir dann doch sehr ans Herz gewachsen. Ich denke wir sind jetzt Freunde, gefragt habe ich ihn aber noch nicht.
Nun hoffe ich, gut durchzuschlafen, um dann morgen wieder etwas erholter zu sein.
Es stehen noch zwei Etappen an, welche mir vom Profil zwar nicht zu 100% liegen, aber wir wollen uns noch nicht geschlagen geben.
Beim Abendessen war ich dann wieder etwas aufnahmefähiger und Heiko, der mit dem Bus vom Start- in den Zielort fuhr, berichtete mir von seiner Busfahrt. Die wurde nämlich für ca. 40min unterbrochen, an einer Moschee im Nirgendwo. Es gab hier nur die kleine Zufahrtsstraße und die Moschee, vor welcher knapp 20 Autos standen. Alle muslimischen Insassen „pilgerten“ dann vom Bus zur Moschee, wuschen sich und beteten. Der Imam hat wohl über Lautsprecher vorgebetet.
Ich muss gestehen, ich bin etwas neidisch und wäre lieber dort gewesen, um es mitanzusehen, als auf dem Rad irgendwo im Nirgendwo. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich in der Ferne die Klänge eines Imams, es ist anscheinend gerade wieder Gebetszeit.
Wirklich kurz gehalten habe ich mich zwar nicht, aber alles andere was ich schrieb ist wirklich nichts als die Wahrheit.
Nur die besten Grüße aus Beni-Mellal,
Hermann
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