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24.12.2015 | (rsn) - John Degenkolbs Sanremo-Roubaix-Double, Tony Martins lange ersehntes Gelbes Trikot, Emanuel Buchmanns überraschender DM-Sieg, Simon Geschkes Triumph in Pra Loup, André Greipels vier Etappensiege mit der Krönung auf den Champs Élysées - allein aus männlicher und deutscher Sicht bot die Saison 2015 schon unzählige Höhepunkte. Aber wenn man bei so vielen Rennen vor Ort ist, wie ich es in diesem Jahr war, dann drängen sich noch ganz andere Geschichten auf.
Mein persönliches Radsport-Ereignis des Jahres ist keines, das in Deutschland viel Beachtung fand. Eigentlich ist es noch nicht mal wirklich EIN Ereignis, sondern eine Geschichte mit drei Stationen. Und es ist ausnahmsweise kein Gänsehaut-Jubelmoment, sondern etwas Bedrückendes. Denn den 17. Juni 2015 werde ich nie vergessen.
Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich als Zielfotograf auf der Straße, als die 1. Etappe der Aviva Women's Tour im englischen Küstenort Aldeburgh zu Ende ging. Ich verfolgte den Sprint durch den Sucher meiner Kamera, schoss ein Foto nach dem anderen und sah zum Schluss die jubelnde Siegerin Lizzie Armitstead (Boels-Dolmans) plötzlich in unsere Richtung abbiegen.
Ein lauter Schrei, ein harter Aufprall und die Britin flog per Salto über meine Kollegen hinweg, um zehn Meter hinter uns vor Schmerz gekrümmt auf dem Asphalt liegen zu bleiben. Als sie beim Jubeln mit der rechten Faust in die Luft boxte, erfasste der Seitenwind ihr Rad und ließ es unter ihr nach links kippen, so dass die Siegerin mit voller Geschwindigkeit auf uns zu anstatt souverän an uns vorbei raste.
Armitstead griff an den Lenker um zu bremsen, doch da war es schon zu spät: In vollem Tempo kollidierte sie mit dem am weitesten in der Straßenmitte sitzenden Fotografen sowie dem neben diesem stehenden Rennleiter Mick Bennett, der dafür sorgte, dass wir Fotografen die für uns vorgesehene Zone nicht verließen.
Weitere Fahrerinnen stürzten über Armisteads Rad, Coryn Rivera (UnitedHealthcare) brach sich den Unterarm, auch Lotta Lepistö (Bigla) lag am Boden. Doch am schlimmsten sah Armitstead aus. Einen Hochgeschwindigkeitssturz aus derartiger Nähe zu erleben, stellte mir die Nackenhaare auf. Sofort eilten Sanitäter herbei, aber auch das änderte nichts an der Situation: Die Lokal-Matadorin bewegte sich kaum.
Während einige schockierte Zuschauer uns Fotografen beschimpften, was wir denn da auf der Straße zu suchen hätten, stieg in mir Angst auf. Erlebte ich hier bei meinem ersten Auftritt als Zielfotograf ein furchtbares Drama? Die Art und Weise, wie die Helfer Armitstead versorgten, ließ alle Beteiligten Schlimmes befürchten. Sie lebte und war bei Bewusstsein, das war klar, doch alles andere schien offen, zumal keine Informationen weitergegeben wurden und man offensichtlich vermied, Armitstead zu bewegen.
Die nächsten 25 Minuten fühlten sich an wie Stunden. Immer wieder irrte ich mit einigen Kollegen zwischen den Mannschaftsbussen und Armitstead hin und her, Interviews zu führen schien unangemessen. Überhaupt relativierte sich in diesem Moment vieles. Letztlich standen wir da und warteten, ohne wirklich zu wissen worauf. Als die 26-Jährige endlich in den Notarztwagen verladen wurde und selbiger gen Krankenhaus aufbrach, kehrte langsam etwas Normalität ein.
Die Siegerehrungen begannen, nur eben ohne die Siegerin. Anstelle von Armitstead betraten ihre Teamkolleginnen um Romy Kasper das Podest, mit versteinerten Blicken und offensichtlich genauso großer Angst um ihre Teamkollegin und Freundin, wie ich sie empfand.
Sie standen auf der Bühne, wie sie vorher im Rennen für sie eingestanden und gearbeitet hatten - ein tolles, eindrückliches Bild, das dann aber zerstört wurde, als die Verantwortlichen der Women's Tour das Quintett immer wieder aufriefen - für jedes einzelne Wertungstrikot, das Armitstead auf dieser Auftaktetappe gewonnen hatte. Und auch die Hostess bat jedes Mal nach dem Überreichen des jeweiligen Trikots zur kurzen Handshake-Runde bei den Sponsorenpartnern, die am Bühnenrand standen - eine Qual muss das für die Fahrerinnen gewesen sein, jedenfalls war es eine für jeden Zuschauer mit Mitgefühl. Aber Sponsoren sind im Radsport nun mal heilig, das lernt man bei den Profirennen immer wieder.
Drei Stunden später konnten alle Beteiligten endlich aufatmen. Ich war in Kontakt mit Kasper, um auf dem Laufenden zu bleiben und bekam um 18:24 Uhr von ihr die Bestätigung: Wie durch ein Wunder hatte sich Armitstead bei dem Horror-Unfall nichts gebrochen - Wirbelsäule, Nacken, Hüfte, alles in Ordnung. Das ergaben die Röntgenaufnahmen im Krankenhaus. Der schreckliche Nachmittag endete mit einer großen Erleichterung.
Gut drei Monate später rollte Armitstead in Richmond im US-Bundesstaat Virginia mit der Hand vor dem Mund über den Zielstrich, als könne sie nicht glauben, dass sie gerade Weltmeisterin wurde - nach einem überlegenen, souveränen Auftritt im Straßenrennen. Das Drama von Aldeburgh fand ein tolles Happy End, und selten konnte ich mich so für einen Sportler über einen Sieg freuen, wenn der- oder diejenige ohnehin als Top-Favorit gestartet war.
Übrigens: Anfang November traf ich die Britin in Nizza für ein großes und langes Interview, das in der aktuellen Ausgabe des TOUR Magazins erschienen ist. Es dürfte niemand wundern, dass dieses Gespräch ebenfalls eines der eindrucksvollsten in meinem Radsport-Jahr 2015 war.
Der Unfall von Aldeburgh im Video:
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