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18.11.2014 | (rsn) - Julian Kern beendet im Alter von 24 Jahren seine Karriere als Rad-Profi. Im Interview mit radsport-news.com erklärt der Europameister von 2011, wie es dazu kam, warum für ihn der Wechsel zu einem Continental-Team nicht mehr in Frage kam und warum es ihn schmerzt, zum jetzigen Zeitpunkt das Rad an den Nagel hängen zu müssen.
Sie beenden nach nur zwei Profijahren ihre Karriere. Hatten sie damit gerechnet, bei Ag2R keinen Vertrag mehr zu bekommen?
Julian Kern: Ich habe schon während der Saison gemerkt, dass es nicht einfach werden würde und habe mich deshalb auch sehr unter Druck gesetzt. Das wirkte sich dann auch durchaus positiv in Ergebnissen wie dem 22. Platz bei der Eneco Tour aus. Das reichte jedoch nicht aus und das war auch mir klar. Endgültige Klarheit hatte ich im September nach einem Gespräch mit dem für mich verantwortlichen Sportlichen Leiter Stéphane Goubert.
Sie haben erklärt, dass es für sie keine Chance mehr auf einen Platz bei einem Erst- oder Zweiligisten gab. Hatten Sie keine Angebote von Continental-Teams?
Kern: Ich habe mit Continental-Teams gesprochen, doch dabei wurde mir klar, dass ich keinen weiteren Anlauf mehr wagen sollte. Schon bei der Vertragsunterzeichnung 2011 mit Leopard (luxemburgisches Continental-Team, d. Red.) hatte ich die Prämisse: Entweder ich schaffe es nach diesem Jahr, oder es war ein Jahr voller schöner Erinnerungen und Erlebnisse - verloren wird es definitiv nicht sein.
Am Ende der Saison 2011 spielten sie schon einmal mit Rücktrittsgedanken. Doch dann kam zunächst das Angebot von Leopard-Trek und im Jahr darauf der Wechsel zu Ag2R….
Kern: Ja, letztendlich habe ich es geschafft und es schien, als wäre es die richtige Entscheidung gewesen. Jetzt aber wieder an diesem Punkt zu sein und sich wieder für ein Continental-Team zu entscheiden, würde bedeuten, sich etwas nicht eingestehen zu können und der Versuch, krampfhaft an etwas festzuhalten.
Wann trafen sie die Entscheidung, mit nur 24 Jahren ihre Karriere zu beenden?
Kern: Von einem bestimmten Tag kann da nicht die Rede sein. Es war eher ein Prozess, der sich über mehrere Wochen und Monate hinzog. Es fällt nicht leicht, von etwas loszulassen das dich und dein Leben seit Jahren bestimmt. Radsport ist nicht ein Beruf wie jeder andere, er fordert Konzentration in jeder Lebenssituation. Du beginnst dich als Mensch darüber zu definieren, weil es das ist, was andere in dir sehen.
Wie fällt ihre sportliche Bilanz bei Ag2R aus?
Kern: In meinen beiden Jahren bei AG2R - La Mondiale habe ich immer gewissenhaft meine Aufgaben erfüllt. Ich war ein treuer Helfer, auf den man sich, so lange es seine physischen Kapazitäten hergaben, verlassen konnte. Darauf bin ich stolz. Ich habe mich jedoch selber zu oft hinter den großen Namen im Team versteckt und zu wenig Vertrauen in mein eigenes Leistungsvermögen gehabt. Als Fahrertyp, wie ich es bin oder war, hat man es so schon nicht leicht, da die wenigsten Rennen nicht in einem Massensprint oder bei einer Selektion an einem langen Berg entschieden werden. Wenn man dann noch dazu zu wenig Selbstbewusstsein hat und nicht mit letzter Konsequenz den Erfolg sucht, wird man keine Ergebnisse herausfahren können.
Und wie geht es jetzt bei ihnen weiter?
Kern: Ich werde zum kommenden Sommersemester ein Wirtschaftsstudium an der Hochschule Gengenbach beginnen.
Und bis dahin….?
Kern: … erfreue ich mich meiner Zeit für Dinge, die ich in den letzten zwei Jahren aus Zeitmangel hinten angestellt habe. Mittelfristig jedoch versuche ich, noch eine Art Praktikum in einem Café in Italien zu machen. Ich weiß aber nicht, ob dies zeitlich noch realisierbar ist. Ein Freund aus dem Radsport, Giorgio Brambilla (2012 Teamkollege bei Leopard Trek), versucht mir dabei zu helfen. Das gehört zu den Dingen, die ich mitnehme aus meinen Jahren im Radsport.
Apropos…was wird ihnen am meisten fehlen?
Kern: Mir werden viele Dinge fehlen, sei es die sechsstündige Schwarzwaldtour mit Freunden die ich aus physischen Gründen nicht mehr realisieren werde können, seien es die Trainingslager in den Bergen um Livigno, die Cafépausen in Elsässer Bäckereien oder das unglaubliche Erschöpfungsgefühl, das man im Ziel hat, nachdem man zunächst fünfeinhalb Stunden in einer Spitzengruppe war und anschließend eine Stunde lang hinter dem Feld her fuhr. Allerdings, so denke ich, wird mir am meisten die Anerkennung fehlen, die man in einem Beruf wie diesem so offensichtlich und unmittelbar bekommt. Aus einem Reisebus, der vor einem Rennen kaum zu seinem vorgesehenen Parkplatz kommt, in einer Region, in welcher man womöglich vorher noch nie war, in eine Menschenmenge hinein auszusteigen und erst einmal fünf bis fünfzig Mal Autogrammkarten seiner selbst unterschreiben zu müssen, zeigt einem doch sehr deutlich die Anerkennung, die Menschen einem aufgrund seiner Tätigkeit schenken.
Werden sie mit dem Radsport komplett aufhören?
Kern: Ich werde nächstes Jahr keine Radrennen fahren. Jedoch war Radsport immer auch Vergnügen für mich und ich fahre derzeit auch hin und wieder mit meinem Rennrad durch die Gegend.
Mit dem deutschen Radsport scheint es wieder langsam bergauf zu gehen. Neue Sponsoren wie Alpecin oder Bora, der mögliche Wiedereinstieg der ARD in die Live-Berichterstattung von der Tour de France – schmerzt es da ganz besonders, ausgerechnet jetzt nicht mehr dabei sein zu können?
Kern: Um ehrlich zu antworten: Ja! Ich sehe im deutschen Radsport gerade eine enorme Entwicklung. Wir schütteln langsam unser Doperimage ab und den Zuschauern scheint klar zu werden, dass es nicht nur der Radsport ist, der dieses Problem hat oder hatte. Zugleich beginnen Unternehmen zu realisieren, dass die Werbewirksamkeit in unserem Sport enorm ist. Der Radsport macht momentan eine Professionalisierung durch und ich hoffe, dass er besser vermarktet werden kann. Ich denke, das langfristige Ziel ist es, ein Schema wie in der Fußball-Bundesliga zu haben mit wöchentlichen Ereignissen, wo selbst der ahnungslose Zuschauer weiß: Sonntag 14 Uhr ist Radsport im Fernsehen angesagt. Was auch immer da laufen wird, Hauptsache, die Räder drehen sich. Das birgt zwar auch Schattenseiten in sich, aber für den Sportler, so denke ich, wird es langfristig mehr Sicherheit geben. Wenn Werbeeinnahmen aus TV-Vermarktungsrechten an die Teams weitergegeben werden können, diese mit weniger Risiko wirtschaften und stehen und fallen nicht im Dreijahresrhythmus. Klar, ich bedaure es schon, diese Zeit nicht mehr miterleben zu können – auch und gerade in sportlicher Hinsicht! Das, was da unter meiner Generation in Deutschland heranwächst und bereits nach oben drängt, verspricht viel Erfolg für den deutschen Radsport in den kommenden zehn bis 15 Jahren.
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