Italiener mehr als nur ein Ersatz-Kapitän

Caruso plötzlich Giro-Zweiter: “Ich weiß, dass ich es draufhabe“

Von Tom Mustroph aus Cortina d´Ampezzo

Foto zu dem Text "Caruso plötzlich Giro-Zweiter: “Ich weiß, dass ich es draufhabe“"
Damiano Caruso erreicht abgekämpft als Tagesdritter das Ziel der 16. Giro-Etappe | Foto: Cor Vos

26.05.2021  |  (rsn) - So ganz kann es Damiano Caruso (Bahrain Victorious) noch immer nicht fassen, was ihm gerade geschieht. „Ich weiß, dass ich ein guter Rennfahrer bin, aber die Situation jetzt als Leader ist neu für mich“, sagte der Sizilianer beim Giro d’Italia. Dort ist er in einer komplett neuen Rolle. Nachdem der eigentliche Leader Mikel Landa durch einen Sturz ausgefallen ist, rückte er plötzlich in die Kapitänsrolle vor. Und wie er das machte: Rivale um Rivale handelte sich Zeitverluste ein, und so landete Caruso auf Platz 2 der Gesamtwertung. Ganz nach oben schaut er nicht. "Bernal ist einfach zu überlegen“, meinte er auch am Ruhetag, den er in einem Hotel im Startort der 17. Etappe verbrachte.

Auf dem Podiumsplatz festbeißen will er sich aber doch. "Ich weiß, dass ich das draufhabe. Bei der Tour wurde ich im letzten Jahr Zehnter. Ich habe noch zwei weitere Top 10-Resultate bei Grand Tours. Ich weiß, wie drei Wochen gehen“, meinte er selbstbewusst.

Auf viel Unterstützung des Teams kann er allerdings nicht mehr bauen. Ex-Chef Landa ist nicht mehr da, fällt also auch als Helfer aus. Auch Matej Mohoric stürzte und Etappensieger Gino Mäder verließ den Giro ebenfalls. Caruso schreckt das aber nicht. "Nach dem Ausscheiden von Mikel ging noch mal ein Ruck durch das Team. Wir wollten für Mikel fahren. Der Etappensieg von Mäder hat uns dann weiter Flügel verliehen“, blickte er zurück.

Das gab so viel Aufwind, dass er nun Bester vom Rest nach Bernal ist. Die Situation nimmt er mit einer Mischung von Freude und Staunen an. "Hey, ihr wollt wieder was von mir“, scherzt er mit den Journalisten in der Mixed Zone.

Dass er nicht schon häufiger in diese Situation gekommen ist, und auch jetzt eher durch Zufall, bedauert er nicht. "Physisch war ich zwar schon immer gut, aber jetzt erst bin ich auch psychisch so stark, um den Druck als Leader auszuhalten. Das ist schon etwas anderes, wenn du dir gar keinen Fehler erlauben darfst, alle auf dich gucken und das ganze Programm mit den Medien auch noch zu absolvieren ist“, sagte er radsport-news.com.

Und auf seinen sizilianischen Kumpel Vincenzo Nibali angesprochen, äußerte er vor allem Respekt. „Jetzt weiß ich endlich, was es bedeutet, wenn man als Leader ein Rennen fährt. Vincenzo hat das all die Jahre ausgehalten, wirklich beeindruckend.“

Caruso selbst wirkt nach außen alles andere als unter Druck. Er ist freundlich, gesprächig, macht Scherze. Er weiß natürlich, dass er die Chance seines Rennfahrerlebens hat. Aber er verkrampft nicht dabei, sondern kann sich sogar an dem erfreuen, was ihm gerade geschieht. Da ähnelt er ein wenig dem Mann in rosa. Der freut sich natürlich auch über seine Leistung und seinen Platz im Klassement. "Vor allem freue ich mich aber, dass ich wieder der alte Egan geworden bin, meinen Instinkten trauen kann und die Beine habe, um Attacken zu fahren“, sagte Bernal.

Caruso hat bestenfalls die Beine, um zu folgen. Das aber macht er mit all der Gewitztheit, die er sich in mittlerweile zehn Profijahren zugelegt hat. Für ihn könnte die Saison 2021 überhaupt eine goldene werden. Teamkollege Sonny Colbrelli, der gewöhnlich das Zimmer mit ihm teilt, aktuell aber im Höhentrainingslager steckt, ließ verlauten, dass er sich wünsche, das Caruso auch Kapitän der italienischen Mannschaft auf dem Olympiakurs werden solle. "Der Kurs passt zu ihm“, meinte Colbrelli. Und momentan passt zu ihm auch der Giro. Das Finale der 17. Etappe nach Sega di Ala ist allerdings auch für ihn etwas Neues. "Ich bin da noch nie gefahren“, meinte er. Angst vor dem Unbekannten hat er aber nicht. Solange er sich diese Mentalität bewahrt und nicht anfängt, darüber nachzudenken, was er alles bei einem Fehler verlieren könnte, bleibt dieser rüstige Diesel auf Podiumskurs.

Ganz unbefleckt ist er allerdings auch nicht. Weil er 2007, noch in seiner Amateurzeit – damals übrigens beim früheren Nachwuchsteam Mastromarco von Nibali – in den Handel mit Dopingpräparaten involviert gewesen sein soll, wurde er mit mehrjähriger Verspätung zu einer einjährigen Sperre verurteilt. Er selbst sagte damals aus, dass ein Teamkollege ihn bei einem Trainingslager am Stilfser Joch auf Dopingkontakte angesprochen hätte. "Ich habe erst vage zugesagt, dann aber gemerkt, in welche Schwierigkeiten ich mich da bringe und einen Rückzieher gemacht“, zitierte ihn damals die Gazzetta dello Sport. Weil die geforderte Strafe von vier Jahren auf eines reduziert wurde, und das auch als abgesessen bei der Urteilsverkündung galt, ist davon auszugehen, dass die Richter ihm diese Erklärung abnahmen.

Mehr Informationen zu diesem Thema

10.06.2021Buchmann startet bei der Tour von allen Fesseln befreit

(rsn) - Ursprünglich war Emanuel Buchmann (Bora – hansgrohe) nicht für die diesjährige Tour de France vorgesehen. Doch nach seinem schweren Sturz und dem dadurch erzwungenen Ausscheiden beim Giro

31.05.2021Almeida: Sechster statt Vierter, aber trotzdem besser als 2020

(rsn) - Die Platzziffer am Ende des 104. Giro d'Italia war schlechter, als bei der 103. Auflage des Rennens, doch die Leistung von Joao Almeida (Deceuninck – Quick-Step) durfte man in den vergangene

31.05.2021Rosa nimmt Bernal endlich die große Last von Gelb

(rsn) – Der Sonntagnachmittag in Mailand war emotional für Egan Bernal. Am Ende des 30 Kilometer langen Abschlusszeitfahrens richtete er sich auf, breitete die Arme aus und rollte erleichtert über

31.05.2021White: Yates´ Tour-Teilnahme ist “höchst wahrscheinlich“

(rsn) – Schlecht war das Ergebnis von Simon Yates (BikeExchange) beim 104. Giro d´Italia nicht: Rang drei in der Gesamtwertung, er stand auf dem Podest. Und doch war es nicht das, wofür er vor dre

31.05.2021Walscheid: “Bin super zufrieden mit den drei Wochen“

(rsn) – Mit gleich drei Etappensiegen durch Mauro Schmid, Giacomo Nizzolo und Victor Campenaerts war Qhubeka Assos eine der Überraschungsmannschaften beim Giro d`Italia. Nur Ineos Grenadiers hatte

30.05.2021Sturz kostet Cavagna möglichen Sieg in Mailand

(rsn) - Rémi Cavagna (Deceuninck - Quick-Step) hätte das Abschlusszeitfahren des 104. Giro d'Italia in Mailand gewinnen können. Zumindest wäre es äußerst knapp zwischen ihm und dem vorher per De

30.05.2021Video: Bernals letzte Meter auf dem Weg zum Giro-Sieg

(rsn) - Mit dem Tagessieg vor dem Mailänder Dom hatte Egan Bernal (Ineos Grenadiers) erwartungsgemäß nichts mehr zu tun. Doch der Kolumbianer hat im Abschlusszeitfahren des 104. Giro d´Italia das

30.05.2021Ganna gewinnt Zeitfahren trotz Platten vor gestürztem Cavagna

(rsn) - Filippo Ganna (Ineos Grenadiers) hat das abschließende Zeitfahren des Giro d’Italia in Mailand für sich entschieden. Der Italiener gewann nach 30,3 Kilometern vor Rémi Cavagna (Deceuninck

30.05.2021Bernal feiert Gesamtsieg, Ganna gewinnt Abschlusszeitfahren

(rsn) - Egan Bernal (Ineos Grenadiers) hat sich am Schlusstag des 104. Giro d`Italia sein Rosa Trikot nicht mehr abnehmen lassen und sich zum ersten Mal in seiner Karriere den Gesamtsieg der Italien-

30.05.2021Die Renneinsätze der deutschsprachigen Fahrer

(rsn) - Die Radsportsaison 2021 ist trotz der Corona-Pandemie in vollem Gang. Wir liefern Ihnen zu Beginn jeder Woche eine Aufstellung über die Einsätze der Profis aus Deutschland, Österreich, der

30.05.2021Bernal: “Nur mein Name auf der Giro-Trophäe zählt“

(rsn) – Erstmals ging Egan Bernal (Ineos Grenadiers) als Leader in die Schlusswoche einer der drei großen Landesrundfahrten. Nach 20 der 21 Etappen des Giro d’Italia hat er mit 1:59 Minuten auf d

30.05.2021Caruso war für Bardet Hilfe und Problem zugleich

(rsn) – Falls im abschließenden Zeitfahren keine Sensation passiert, wird das deutsche Team DSM den 104. Giro d’Italia ohne Tageserfolg verlassen. Nach einer schwierigen ersten Woche präsentier

Weitere Radsportnachrichten

14.02.2026Radsport live im Stream und im TV: Die Rennen des Tages

(rsn) – Welche Radrennen finden heute statt? Wo und wann kann man sie live im Fernsehen oder Stream verfolgen? Und wo geht´s zum Live-Ticker? In unserer Tagesvorschau informieren wir über die wic

14.02.2026Morgado schlägt Aranburu und feiert Titelverteidigung

(rsn) – Die Nummer 1 auf dem Rücken, die Nummer 1 im Ziel: Antonio Morgado (UAE – Emirates – XRG) hat seinen Titel bei der Figueira Champions Classic (1.Pro) verteidigt. Der Portugiese, der dam

14.02.2026Vandeputte zündet den Turbo und fängt Vanthourenhout noch ab

(rsn) – Der Belgier Niels Vandeputte (Alpecin – Premier Tech) hat beim Waaslandcross in Sint-Niklaas mit einem bärenstarken Sprint auf den letzten Metern noch seinen Landsmann Michael Vanthouren

14.02.2026Rodriguez düpiert: Riccitello mit perfektem Decathlon-Einstand

(rsn) – In einem packenden Bergaufsprint hat Matthew Riccitello (Decathlon - CMA CGM) die Königsetappe der 10. Tour de la Provence (2.Pro) für sich entschieden und mit seinem ersten Saisonsieg auc

14.02.2026Murcia: Liepins Sieger ohne Wert, Etappe neutralisiert

(rsn) – Aufgrund extremer Windverhältnisse wurde die abschließende 2. Etappe der 46. Murcia-Rundfahrt (2.1) auf einen Zehn-Kilometer-Rundkurs im Zielort Santomera reduziert – allerdings bis auf

14.02.2026Brand in Sint-Niklaas mit später Offensive zum Hattrick

(rsn) – Weltmeisterin Lucinda Brand (Baloise – Glowi Lions) hat sich beim Waaslandcross in Sint-Niklaas ihren 20. Saisonsieg gesichert. Die 36-jährige Niederländerin setzte sich im letzten Lauf

14.02.20263. Valencia-Etappe abgesagt, Murcia und Figueira Classic abgeändert

(rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R

13.02.2026Voß, Kasper und Co.: Deutsche mit gemischten Gefühlen

(rsn) - Nachdem die Straßensaison schon in vollem Gange ist, steht für die Gravel-Pros mit Santa Vall by The Traka nun auch das erste namhafte Rennen im europäischen Kalender auf dem Programm. Am

13.02.2026Van der Poel will seine Karriere bei Alpecin ausklingen lassen

(rsn) - Mathieu van der Poels Langzeitvertrag mit Alpecin - Premier Tech läuft noch bis Ende 2028. In jenem Jahr hat der Niederländer große Ziele: Bei der Cyclocross-Weltmeisterschaft in Hoogerheid

13.02.2026Provence: Buchmann, Kragh Andersen und Mollema nicht im Ziel

(rsn) – Gleich drei bekannte Namen kamen nicht ins Ziel der 1. Etappe der Tour de la Provence. Bei seinem Saisoneinstieg beendete Cofidis-Kapitän Emanuel Buchmann aus noch unbekanntem Grund das Ren

13.02.2026Ferguson überrascht die Konkurrenz 600 Meter vor dem Ziel

(rsn) – Cat Ferguson (Movistar) hat die Sprinterrinnen auf der 2. Etappe der Valencia-Rundfahrt der Frauen (2.Pro) mit einer Attacke 600 Meter vor dem Ziel überrascht und so ihren zweiten Saisonsie

13.02.2026UAE-Doppelsieg beim Windspektakel zum Murcia-Auftakt

(rsn) – Marc Soler und Julius Johansen (beide UAE – Emirates – XRG) haben den stark vom Wind beeinflussten ersten von zwei Renntagen der Murcia-Rundfahrt (2.1) dominiert. Die auf 83,5 Kilometer