RSNplusBerliner Sixdays sollen wieder expandieren

Hoffnung für die “Tour de France des Bahnradsports“

Von Tom Mustroph aus Berlin

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Szene der Sixdays Berlin 2026 | Foto: Cor Vos

31.01.2026  |  (rsn) - Die Sixdays in Berlin sind auf zwei Tage geschrumpft. Die Tradition wird am Velodrom aber tapfer verteidigt und das Event soll bald wieder expandieren.

Derny-Motorräder knattern übers Holzoval. Fahrer auf Maschinen der Sportgeräteforschungsstätte FES schießen von der bis zu 45 Grad steilen Kurve herunter in den Innenring, während DJs die Drumcomputer laufen lassen und in den Katakomben Vergnügungssüchtige sich im Bogenschießen versuchen. Bier fließt natürlich auch in Strömen, mit und ohne Promille. Es ist wieder Sechstagerennen in Berlin.

Zum 113. Mal findet das Spektakel nun schon statt, ist in der Anzahl der Austragungen tatsächlich auf der Höhe der Tour de France. Die wird in diesem Sommer zum ebenfalls 113. Mal veranstaltet. Sixdays-Organisator Valts Miltovics findet noch weitere Parallelen zur Mutter aller Straßenrennen. “Auch Sechstagerennen sind schließlich Etappenrennen. Du hast jeden Tag eine neue Etappe. Das ist anders als sonst im Bahnradsport und eben eher so wie die Tour de France“, meint er zu RSN.

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Mehr als 3.000 Kilometer im Bahnkreisel

Schaut man in die Historie, findet man noch mehr Gründe, die für den Vergleich sprechen. Bei den ersten Sechstagerennen Ende des 19. Jahrhunderts wurde sechs Tage durchgefahren! 1897 – an die echte Tour de France war damals noch gar nicht zu denken – erreichte der gebürtige Thüringer Charly Miller (Geburtsname Karl Müller) beim New Yorker Sechstagerennen mehr als 3.000 Kilometer. Die historischen Quellen schwanken zwischen 3.192 und 3.229 Kilometer. Heutzutage wäre das fast eine komplette Grand Tour über 21 Tagesabschnitte. Miller - oder Müller -, dürfte gehörige Abschnitte dieser Distanz auch in vollem Gegenwind bestritten haben und eher nicht hübsch eingepackt in einem Peloton.

Auch in diesem Jahr sind die Sixdays eine große Show. | Foto: City-Press Berlin

Fuhr Miller seine ersten Sixdays noch als Solist, so ist er historisch notierenswert auch als der erste Fahrer, der zwei Jahre später gemeinsam mit seinem Partner Frank Waller das allererste Sechstagerennen im heute üblichen Format als Wettbewerb von Zweiermannschaften gewann. Es fand ebenfalls in New York statt, im dortigen Madison Square Garden. Deshalb bürgerte sich fürs Zweiermannschaftsfahren auch der Name Madison ein.

Disziplin für Multitalentierte

Die Teildisziplin besticht durch die Kombination aus Ausdauer, Explosivität und Schlauheit. Stets kreisen die Partner, die gerade nicht im Rennen sind, auf dem oberen Teil der Bahn. Zur Ablöse lassen sie sich nach unten fallen, greifen mit ihrem linken Arm den rechten des Partners und der bringt sie mit dem Schleudergriff in Position. Ziel ist es, Rundengewinne zu erreichen und in den Wertungssprints Punkte zu ergattern. Ganz Schlaue, wie etwa der dreimalige Madison-Weltmeister Roger Kluge, der als Publikumsliebling auch in diesem Jahr in Berlin dabei ist, timen ihren Rundengewinnversuch so, dass sie bei einer Wertungsrunde noch nicht zum Feld aufgeschlossen haben. Der explosivere Partner sollte dann aber bei den Sprints aus dem Feld auf der Bahn sein, während der ausdauerstärkere den Löwenanteil beim Rundengewinn leistet.

Zumindest theoretisch ist das so. Sich gut zu positionieren ist ebenfalls eine Grundtugend im Madison. Rechnen können muss man auch, was die eigenen Punkte und Rundengewinne sowie jene der Konkurrenz betrifft. Und dann sollte man auch genug Körner für den letzten Wertungssprint sparen. Der bringt die doppelte Punktzahl und entscheidet häufig über Sieg und Niederlage.

Legendäre Vergangenheit mit Hühnerställen und Musikkapellen

Das erste Berliner Sechstagerennen fand 1909 auf einem provisorischen Velodrom von 150 Metern Länge in der Nähe des Zoos statt. Chronisten lobten die Musikkapellen, die Tag und Nacht durchspielten. Beachtlich ist die Siegerleistung des US-Duos Jimmy Moran und Floyd MacFarland, das in 144 Stunden 3865 Kilometer zurücklegte. Pittoresk war das Szenario. Der Innenraum war mit Verschlägen gefüllt, die für den Kollegen des “Berliner Tageblatts“ vom März 1909 aussahen wie “Hühnerställe oder wie kleine Jahrmarktsbuden, aus Latten und Jute zusammengeleimt“. In ihnen befanden sich “die kleinen Bettgestelle, auf denen die Rennfahrer, um keine Sekunde zu verlieren und nicht erst die Kabinen aufsuchen zu müssen, ein paar Minuten Schlaf suchen.“

Szene der Berliner Sixdays 2026 | Foto: City-Press Berlin

Im schicken Velodrom von heute sind im Innenraum ebenfalls kleine Zelte errichtet, in denen die Fahrer etwas Privatsphäre haben. Übernachten dürfen sie aber in Hotelbetten oder, was Berliner Teilnehmer betrifft, sogar zu Hause. Die Show beginnt gegen 18 Uhr abends mit einem Punktefahren und endet kurz vor Mitternacht mit der Großen Jagd im Madison.

Der kleine Einblick ins Programm deutet schon an, dass Sechstageevents heutzutage aus vielen Disziplinen bestehen. Die Zweierteams duellieren sich in Punktefahren, Großer und Kleiner Jagd, bestreiten außerdem noch Zeitfahren und Derny.

Knatternde Zweitakter auf der Bahn

Letzteres ist der wohl spektakulärste Teil. Sieben Mopeds, Hubraum um die 75 cm³, knattern zunächst um die Bahn. Zu ihnen gesellt sich je ein Fahrer der Zweierteams. Im Windschatten dieser Schrittmacher versuchen die Fahrer, ihre Kraft so einzuteilen, dass sie am Ende der 40 Runden auf dem 250 Meter langen Oval ganz vorn ankommen. Beim zweiten Derbywettbewerb am Freitagabend (insgesamt 14 Teams nehmen teil, daher die Aufteilung in zwei Rennen) hatte Oldie Roger Kluge knapp die Nase vorn.

Der frühere Tour de France-Teilnehmer und Etappensieger beim Giro d’Italia lösts sich früh aus dem Feld. Er muss sich aber dem zum Ende stark aufdrehenden Niederländer Yoeri Havik erwehren, einst immerhin Weltmeister im Punktefahren. Kluge und sein Schrittmacher hieten das rivalisierende Gespann auf der letzten Runde aber hoch in der Kurve, was für diese den längeren Weg bedeutete, und lagen am Ende um wenige Zentimeter vorn.

Robert Förstemann (li.) hatte mit Comedian “tv total“-Moderator Sebastian Pufpaff Spaß auf der Bahn. | Foto: City-Press Berlin

Speziell ist im Sechstage-Kontext auch das Zeitfahren. Die Zweierteams bestreiten das nämlich gemeinsam. Einer ist der Anfahrer, bringt über vier Runden am oberen Rand des Ovals den Partner erst auf Höchstgeschwindigkeit, bevor er ihn dann im Schleudergriff in die Tiefe der Bahn herunterbefördert. Der derartig beschleunigte Mann schließlich rast in Höchstgeschwindigkeit über die zwei finalen Runden.

In diesem Teilwettbewerb waren am Freitagabend Havik und Partner Vincent Hoppezak mit 26,419 Sekunden die Besten.

Verletzter Weltmeister Augenstein musste verzichten

Kluge kam mit Partner Moritz Malcharek lediglich auf Platz sechs. Eigentlich sollte der Eisenhüttenstädter mit dem frisch gebackenen Scratch-Weltmeister Moritz Augenstein ein Duo bilden. Augenstein verletzte sich aber, war leicht humpelnd im Innenraum zu sehen und musste verzichten. Was das für die in wenigen Tagen im türkischen Konya stattfindende EM bedeutet, war noch nicht abzusehen.

Um den Madison-Recken etwas Atempause zu verschaffen – in den frühen Jahren wurden Sechstagerennen aus einer Mischung aus Faszination und Ekel auch gern als “abscheuliche Tortur“ bezeichnet – sind einige Kurzzeitwettbewerbe eingestreut. Teilnehmerfelder von sechs Frauen und sechs Männern bestreiten Keirin, Sprint und Zeitfahren. Bei den Frauen sticht die frühere Teamsprint-Europameisterin Alessa-Catriona Pröpster heraus, bei den Männern sind es alte Recken wie die früheren Weltmeister Robert Förstemann (39 Jahre) und Maximilian Levy (38). Levy ist eigentlich längst Nachwuchsbundestrainer für den Sprintbereich.

Bundestrainer Levy mit Kurzzeit-Comeback

Dann aber forderte ihn einer seiner Schützlinge, Sprinttalent Benjamin Bock, heraus. “Der kleine Bursche hat gesagt, er will mal gegen mich fahren. Dann aber richtig, habe ich ihm gesagt. Und wir haben ausgemacht, dass wir uns hier duellieren“, erzählte Levy RSN. Im 250-Meter-Zeitfahren mit fliegendem Start hatte Levy das bessere Ende für sich. Im Keirin aber fing ihn Schüler Bock noch ab. “Hat er gut gemacht, hat sich das richtige Hinterrad ausgesucht“, meinte der Coach, selbst noch ziemlich außer Atem. “Ich bin froh, dass ich noch lebe. Die Belastung steckt man nicht mehr so weg wie früher“, konstatierte er. Seinen alten Rivalen Förstemann, als Tandempartner und Olympiamedaillengewinner im Parasport noch ganz gut im Saft, hielt Levy immerhin in Schach.

Extragag mit Comedian Pufpaff

Förstemann ließ sich noch füt einen Extragag einspannen. Er nahm den Comedian und “tv total“-Moderator Sebastian Pufpaff als Hintermann im Tandem mit und gewann sogar das Show-Event.

“Der macht sich gut. Wir haben vorher auch ein bisschen geübt“, meinte der Mann mit den einst dicksten Schenkeln im Bahnradsport zu RSN. Die Nummer mit Pufpaff erinnerte an die Spektakelhistorie der Sixdays. In den frühen Jahren tauchte dort Prominenz wie etwa der deutsche Kronprinz auf. Und Edelfedern wie Egon Erwin Kisch berichteten von Fahrern, “die nicht nach rechts und nicht nach links schauen. Sie streben vorwärts, aber sie sind immer auf dem gleichen Fleck, immer in dem Oval der Rennbahn. Sie legen in rasanter Geschwindigkeit Strecken zurück wie von Konstantinopel nach London und von Madrid nach Moskau. Aber sie kriegen keinen Bosporus zu sehen, keinen Escorial, keinen Lenin und nichts von einem Harem.“

Blick von den Zuschauerrängen auf das Berliner Oval | Foto: City-Press Berlin

Bis auf den Harem und den längst toten Lenin haben es da die Tour-de France-Fahrer auf der Straße besser. Kischs Begeisterung fürs Rennen auf der Stelle deutet aber auch den einstigen kulturellen Stellenwert der Sixdays an.

Dass der nachgelassen hat, bedrückt natürlich auch jemanden wie Altstar Förstemann. 25 Mal war er laut eigener Rechnung beim Berliner Sechstagerennen dabei. Dass es aktuell nur zwei Tage geht, betrübt ihn. “Sechs Tage ist sicher noch mal was anderes. Aber im Endeffekt muss man froh sein, dass es überhaupt stattfindet. Durch Corona gab es massive Probleme. Und dass Valts das Ding dann weiter durchgezogen hat, ist aller Ehren wert“, sagte er.

Renaissance mit neuer weltweiter Rennserie?

Manager Valts Miltovics ist neben Sixdays-Legende Dieter Stein die treibende Kraft hinter dem Durchhalteprojekt. Nach Corona war erstmal zwei Jahre Schluss. Dann wurde es auf kleiner Flamme erst über drei Tage und jetzt über deren zwei wieder aufgenommen. “Als wir uns auf die zwei Tage konzentriert haben, war die Intention, dass wir erst mal die voll haben. Dann können wir weitergehen und schauen, ob wir den dritten Tag dazuholen“, meinte Miltovics zu RSN. Er sieht sich nach dem guten Zuspruch in diesem Jahr tatsächlich an dem Punkt, im kommenden Jahr zu expandieren. Er warnte aber auch: “Jeder Tag kostet etwa 250.000 Euro. Allein durch den Ticketverkauf bekommt man das am Velodrom nicht rein. Es geht nur über Sponsoren und Partner.“

Expandieren will er dennoch. Verträge über eine Rennserie mit Standorten in Malaysia, Hongkong und Singapur sind bereits abgeschlossen. Weitere internationale Partner seien interessiert, versicherte Miltovics. “Wir wollen eine regelmäßige Serie entwickeln. Wir sind dabei die Rechteinhaber, Partner vor Ort richten die Rennen aus. Wir wollen dabei Schritt für Schritt vorgehen.“ Besonderer Clou soll eine Mannschaftswertung sein. “Damit das nicht nur individuelle Teams sind, sondern große Mannschaften, Ausdauermannschaften bei Männern und Frauen und Sprintteams ebenfalls bei Männern und Frauen. Es wird dann individuelle Wertungen geben, aber auch Mannschaftswertungen. Wir sind darüber auch im Gespräch mit den Cheftrainern verschiedener Nationen“, sagte Miltovics RSN, und nannte neben German Cycling auch die Verbände aus den Niederlanden, Belgien, Großnbritannien, Kanada und den USA.

Da tut sich also was. Und die Sechstagerennen, von denen es in Hochzeiten mehrere Dutzend pro Saison gab, könnten dem darbenden Bahnradsport gerade nach dem Aus der Track Champions League und dem Veranstaltungswirrwarr um Weltcup und Nations Cup wieder zu neuem Aufschwung verhelfen. Vielleicht wird diese Veranstaltungsform mit der neuen Rennserie tatsächlich dem alten Ruf gerecht, eine Tour de France des Bahnradsports zu sein. Zur Halbzeit des diesjährigen Rumpfevents in Berlin führte das niederländische Duo Havik/Hoppezak vor den heimischen Kluge/Malcharek.

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