RSNplusWorldTeams 2026: XDS - Astana

Mit Cleverness jetzt auch zu größeren Siegen?

Von Tom Mustroph

Foto zu dem Text "Mit Cleverness jetzt auch zu größeren Siegen?"
XDS - Astana bei der AlUla Tour 2026 | Foto: Cor Vos

31.01.2026  |  (rsn) - XDS – Astana war im vergangenen Jahr das wohl cleverste Team der World Tour. Ende 2024 schien der Abstieg aus der WorldTour fast unvermeidlich. Nur Platz 21 im Jahresranking, mehr als 5.000 Punkte Rückstand auf die WorldTour-Zone. “Damals glaubte niemand an uns. Wir waren weit weg von den rettenden Rängen und wir mussten so etwas wie ein Wunder performen“, sagte Teamchef Alexandre Vinokourov, einst selbst eine Art Wunderperformer mit allerdings teils illegaler Hilfe, am Rande des Giro d’Italia 2025 zu RSN.

Zu diesem Zeitpunkt konnte der Kasache bereits durchatmen. Die beiden Italiener Christian Scaroni und Lorenzo Fortunato holten nicht nur einen beeindruckenden Doppelsieg auf der 16. Etappe. Sie sicherten ihrem Team auch mit überwältigendem Abstand auf den Drittplatzierten das Bergtrikot. Damit war bereits Platz 18 in der für die Lizenz entscheidenden Dreijahrestabelle erreicht. Zum Ende der abgelaufenen Saison wurde es ein solider 15. Platz mit insgesamt 30.341 Punkten in der Dreijahreswertung. In der letzten Saison wurden also mehr Punkte eingefahren als in den zwei Jahren zuvor – Chapeau!  ___STEADY_PAYWALL___

Zwei Dinge waren dafür ausschlaggebend: an erster Stelle eine gezielte Transferkampagne. Wettkampfharte Veteranen wie Wout Poels (damals 37 Jahre), Diego Ulissi (35) und Mike Teunissen (32) wurden eingekauft. “Unser Ziel war, Punkte zu holen. Darauf haben wir das ganze Team eingeschworen. Es ging nicht mehr um Siege, wie im Jahr davor mit Mark Cavendish. Sondern es war eine Überlebensfrage für uns und auch für unseren Sponsor XDS, die Punkte zu holen, um in der WorldTour zu bleiben“, blickte der Sportliche Leiter Alexander Shefer gegenüber RSN zurück.

Doppelter Triumph: Lorenzo Fortunato (li.) und Cristian Scaroni bejubeln ihren denkwürdigen Auftritt auf der 16. Etappe, die Scaroni gewann. | Foto: Cor Vos

Die Neuankömmlinge enttäuschten auch nicht. Teunissen fuhr in seinen 72 Renntagen zehn Mal in die Top 10 und holte 846 UCI-Punkte. Herausragendes Ergebnis dabei war Platz 11 bei Mailand – Sanremo. Ulissi holte einen Sieg und 14 weitere Top 10-Resultate (972 UCI-Punkte), Poels schließlich räumte vor allem bei der Türkei-Rundfahrt mit Gesamtsieg, Bergtrikot und einem Etappensieg ab.

Da deutete sich bereits der zweite entscheidende Aspekt für den Erfolg an: Neuankömmlinge wie auch die im Kader verbliebenen Fahrer wurden bei Rennen eingesetzt, bei denen sie auch gute Aussichten auf Punkte und Siege hatten. “Viele Male haben wir unsere stärksten Fahrer zu kleineren Rennen anstelle der WorldTour geschickt. Wir waren gut aufgestellt in der Türkei, aber auch bei der Tour of Hainan und ähnlichen Rennen. Denn wir wussten, dort gab es viele Punkte zu holen. Mit dem Kader, den wir zur Verfügung hatten, konnten wir recht zuversichtlich sein, dort auch Resultate abzuliefern“, erklärte Shefer.

Mit vielen kleinen Erfolgen wuchs das Selbstvertrauen

Resultate meinte nicht unbedingt Siege. Teil des Plans war auch, in jedem Rennen möglichst mehrere Fahrer in die Punkteränge zu bringen. Das klappte. Mit den Teilerfolgen wuchs dann auch das Selbstvertrauen. Einige Fahrer hatten in diesem außergewöhnlichen Astana-Jahr die beste Saison ihrer Karriere überhaupt. Der deutsche Sprinter Max Kanter gehörte dazu, sein italienischer Sprinterkollege Matteo Malucelli, Top-Punktesammler Scaroni (2.399) sowieso, aber auch Giro-Bergkönig Fortunato blickten im Herbst auf ein Traumjahr zurück.

Auch Max Kanter (li.) überzeugte im Astana-Trikot: Der Deutsche gewann die Famenne Ardenne Classic vor seinem Teamkollegen Cees Bol. | Foto: Cor Vos

Kann es so auch in der kommenden Saison 2026 weitergehen? Shefer sieht wenig Anlass zur Änderung der Strategie, selbst wenn er sie persönlich nicht unbedingt mag. “Es war anfangs nicht einfach zu akzeptieren, denn es unterschied sich schon von unserem früheren Ansatz“, meinte er, sah aber keine Alternative dazu: “Jeder liebt es, zu gewinnen und auf Sieg zu fahren. Aber auf die alte Art, sich nur auf einen Kapitän zu konzentrieren, geht es nicht mehr. Denn läuft es für ihn schlecht, dann fährt man mit leeren Händen heim.“

Shefer glaubt eher, dass das Astana-Beispiel Schule machen wird und andere Teams zur gleichen Strategie greifen könnten. “In der WorldTour haben wir derzeit eine Serie A und eine Serie B“, wählte er Anleihen beim italienischen Fußball. “Die fünf besten Teams haben die besten Fahrer. Für die kleineren Teams bedeutet das, dass sie, wenn die Top-Teams mit ihrem Top-Aufgebot da sind, bestenfalls um Platz 5 oder 6 fahren.“

Zur Existenzsicherung müsse man deshalb auf kleinere Rennen ausweichen. Als Konsequenz daraus droht, dass die großen Rennen noch langweiliger werden, weil die Besten der Kleinen sich dann eben nicht mit den Besten der Großen messen und die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen weiter abnimmt. Shefer sieht hier, selbst wenn sein Team zuletzt der Profiteur davon war, die Schuld im Punktesystem.

Das Punktesystem sorgt für Langeweile

Das gehört tatsächlich überholt. Aus Aigle aber, dem Sitz der UCI, ist zu diesem Thema nichts Revolutionäres zu vernehmen. Und so wird XDS - Astana wohl auch in der kommenden Saison auf die Eichhörnchenstrategie des fleißigen Punktesammelns setzen.

Alexandre Vinokourov will XDS – Astana künftig auch wieder im Klassement der großen Rundfahrten vorne mitmischen sehen. | Foto: Cor Vos

Nur einer kann sich noch nicht ganz damit anfreunden. Teamchef Vinokourov will gern auch wieder größere Siege und selbst bei Grand Tours wieder auf GC fahren lassen. “Wir wollen uns in dieser Hinsicht auch verstärken“, kündigte er im Herbst an. Diesen Worten ließ er aber keine Taten folgen. Die sechs Neuzugänge stellen bestenfalls Ergänzungen dar. Und unter denen lässt sich allein bei einem Fahrer überhaupt so etwas wie ein GC-Profil entdecken: Beim Spanier Cristian Rodriguez, der aus der Konkursmasse des französischen Arkéa-Rennstalls heraus verpflichtet wurde.

Der Top-Transfer: Lev Gonov

Der aktuelle russische Straßenmeister wurde aus dem Devo-Team hochgezogen. Der 25-Jährige brillierte in jungen Jahren als Bahnfahrer, holte unter anderem Regenbogentrikots in der Einzel- und Mannschaftsverfolgung der Junioren, dort gemeinsam mit Landsmann und Astana-Rückkehrer Gleb Syritza. Dass er auch auf der Straße ein schneller Mann ist, bewies Gonov bei seinem Etappensieg der Türkei-Rundfahrt. Die bestritt er bereits im Aufgebot der WorldTour-Abteilung.

“Lev hat sich sehr schnell und gut sowohl ins Devo-Team wie auch in das WorldTour-Team integriert. Er hat große Fortschritte gemacht. Und so ist es nur logisch, dass er jetzt auch einen Vertrag für das WorldTour-Team bekommen hat“, begründete Teamchef Vinokourov die Verpflichtung. Gonov verstärkt die ohnehin schon zahlenmäßig große Abteilung endschneller, aber auch hügelfester Männer beim chinesisch-kasachischen Rennstall. Er könnte sich zum soliden Punktelieferanten bei kleineren Rennen entwickeln.

Sprinter Lev Gonov gewann 2025 eine Etappe der Türkei-Rundfahrt und ist eine große Zukunftshoffnung | Foto: Cor Vos

Und vielleicht ragt er aus diesem Ensemble ja auch bald heraus. „Das letzte Jahr war schon gut, aber ich glaube, dass meine Zukunftr noch besser wird“, zitierte ihn das Team im Zuge der Vertragsunterzeichnung. Interessant wird Bahnspezialist Gonov auch noch im Hinblick auf eine Änderung im Punktesystem der UCI: Ab 2027 fließen auch Punkte aus UCI-Wettbewerben auf der Bahn, in Mountainbike und Cyclocross in die Teamwertung ein.

Im Fokus: Lorenzo Fortunato

Wer den Italiener nicht schon längst im Fokus hat, dürfte mit Blindheit geschlagen sein. Schon beim zweitklassigen Eolo Kometa-Team von Ex-Giro-Sieger Ivan Basso sorgte Fortunato mit einem Etappenerfolg beim Giro 2021 für Furore. Danach wurde es aber stiller um ihn. “Manchnal dauert es länger, bis man sich durchsetzen kann“, erklärte Fortunato. In der letzten Saison allerdings ist seine Karriere förmlich explodiert. Er festigte einerseits seinen Ruf als Etappenjäger, unter anderem erneut beim Giro, wo er sich zum Bergkönig krönte.

Und dass er nicht nur ein Mann für einzelne Tage ist, bewies er mit Gesamtrang vier bei der Tour de Romandie – noch vor Größen wie Remco Evenepoel – und Platz 2 bei der Burgos-Rundfahrt, dieses Mal nur knapp hinter Saison-Überflieger Isaac Del Toro (UAE – Team Emirates – XRG). Bei einwöchigen Rundfahrten will Fortunato in Zukunft weiter sein Glück versuchen, am liebsten gleich beim Heimrennen Tirreno - Adriatico im März, verriet er der Plattform bici.pro.

Lorenzo Fortunato feiert den Sieg in der Bergwertung des Giro 2025 – dieses Ziel will der Italiener auch bei Tour und Vuelta erreichen. | Foto: Cor Vos

Bei dreiwöchigen Rundfahrten schätzt er sich ganz realistisch als nicht gut genug fürs Podium ein. “Für eine Grand Tour verlierst du auch drei Monate in einer Saison“, kalkulierte er: einen Monat spezifische Vorbereitung, knapp einen Monat das Rennen selbst, danach einen Monat zur Erholung. “Wenn da etwas schief läuft, du nicht ganz frisch zur Rundfahrt kommst, sind im Grunde drei Monate weg, in denen du sonst bei anderen Rennen Resultate einfahren könntest.“

Das bedeutet aber nicht, dass der 29-Jährige in Zukunft komplett auf Giro, Vuelta oder Tour verzichten will. Ganz im Gegenteil. “Der Giro ist immer ein Ziel“, betonte er. Und nachdem er dort schon Bergkönig war, will Fortunato das auch in Frankreich und Spanien erreichen. “Ich würde gern meine Kollektion an Trikots erweitern und mich dort mit den besten Kletterern messen“, kündigte er an.

Teamchef Vinokourov wird das freuen. Groß bei den Grand Tours auftrumpfen ist trotz der zwangsläufig veränderter Strategie noch immer das Langfristziel des Kasachen – und auch des ambitionierten Geldgebers XDS.

Das Aufgebot:
Davide Ballerini (Italien / 31), Alberto Bettiol(Italien / 32), Clement Chapoussin (Frankreich / 27), Nicola Conci (Italien / 28), Yevgeniy Fedorov (Kasachstan / 25), Lorenzo Fortunato (Italien / 29), Aaron Gate (Neuseeland/ 35), Lev Gonov (Russland / 25), Sergio Higuita (Kolumbien / 28), Florian Samuel Kajamini (Italien / 22), Max Kanter (Deutschland / 28), Anton Kuzmin (Kasachstan / 29), Arjen Livyns (Belgien / 31), Harold Martin Lopez (Ecuador / 25), Matteo Malucelli (Italien / 32), Henok Mulubrhan (Eritrea / 26), Cristian Rodriguez (Spanien / 30), Alessandro Romele (Italien / 22), Christian Scaroni (Italien / 28), Marco Schrettl (Österreich / 22), Guillermo Thomas Silva (Uruguay / 24), Haoyu Su (China / 25), Gleb Syritza (Russland / 25), Harold Tejada (Kolumbien / 28), Mike Teunissen (Niederlande / 32), Davide Toneatti (Italien / 24), Diego Ulissi (Italien / 36), Darren van Beckum (Niederlande / 23), Simone Velasco (Italien / 30), Nicolas Vinokourov (Kasachstan /23)

Davon Neuzugänge:
Lev Gonov und Gleb Syritza (beide XDS Astana Devo Team), Arjen Livyns (Lotto), Cristian Rodriguez (Arkéa - B&B Hotels), Marco Schrettl (Tirol KTM Cycling Team), Guillermo Thomas Silva (Caja Rural - Seguros RGA)

Teamleitung:
Manager: Alexandre Vinokourov
Sportdirektor: Alexander Shefer
Sportliche Leiter: Alexandre Vinokourov (junior), Bruno Cenghialta, Claudio Cucinotta, Dario Cataldo, Dimitri Sedun, Dmitriy Fofonov, Helmut Dollinger, Laurenzo Lapage, Mario Manzoni, Peter Kennaugh, Serguei Yakovlev, Stefano Zanini, Yvon Ledanois

Material:
Rahmenhersteller: XDS
Gruppe: Shimano
Laufräder: Vision
Reifen: Continental
Trikot: Ekoi
Helm: XDS

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