RSNplusWorldTeams 2026: Picnic - PostNL

Vom Top-Team zum starken Talente-Zulieferer

Von Kevin Kempf

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Fahrer von Picnic - PostNL bei der Tour Down Under | Foto: Cor Vos

22.01.2026  |  (rsn) – Unter den Namen Project 1t4i, Argos, Giant und Sunweb war das heutige Team Picnic – PostNL eine der besten Mannschaften im Peloton. Tom Dumoulin sorgte 2017 beim Giro d’Italia für den ersten Grand-Tour-Sieg, Marcel Kittel und John Degenkolb waren im damals besten Sprintzug verantwortlich für 25 Etappenerfolge bei großen Rundfahrten. Degenkolb gewann 2015 außerdem zwei Monumente. 

Doch dann tauchten finanzkräftigere Rennställe am Radsportfirmament auf, die niederländische Mannschaft dagegen verlor stets mehr an Bedeutung. Im Lauf der Zeit wurde sie quasi zu einem Ausbildungsteam innerhalb der WorldTour.

Nicht nur, dass die besten Fahrer von finanzstärkeren Konkurrenten abgeworben werden - mittlerweile sind sogar vorzeitige Wechsel an der Tagesordnung. So entschied sich Dumoulin, 2019 seinen noch zwei Jahre laufenden Vertrag nicht zu erfüllen. Der Niederländer wechselte zu Jumbo – Visma. Ein Jahr später ging Michael Matthews mit noch einer Saison Restlaufzeit im Vertrag zu BikeExchange. 2021 sorgte Marc Hirschi mit seinem vorzeitigen Wechsel Anfang Januar für Aufsehen

Dieser Trend setzte sich 2025 fort, sogar bei den Frauen. Dort wechselte Charlotte Kool mitten in der Saison zu Fenix – Deceuninck. Nienke Vinke verließ das Team im Winter vorzeitig in Richtung SD Worx – Protime und für die Männer kam der Super-GAU wenig später: Oscar Onley wurde von Ineos Grenadiers abgeworben.

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Nachdem wieder ein Topfahrer der Mannschaft aus seinem Vertrag herausgekauft worden ist, steht Picnic - PostNL vor einem extrem schwierigen Dreijahreszyklus, in dem es Außenseiter im Kampf um den Klassenerhalt ist, zumal mit Tobias Lund Andersen (zu Decathlon – CMA – CMG) und Kevin Vermaerke (UAE – Emirates – XRG), sowie Romain Bardet (Karriereende) drei weitere Leistungsträger von Bord gegangen sind.

Fabio Jakobsen beim Medientag von Picnic - PostNL | Foto: Cor Vos

Beim Blick auf den Kader fallen nur wenige Fahrer mit guten Leistungen auf dem höchsten Niveau auf. Die besten Ergebnisse hat zweifellos Degenkolb erzielt, doch der zählt mit seinen 37 Lenzen inzwischen weder im Sprint noch in den Klassikern zu den Punktegaranten. Im Spurt taten sich in den letzten Jahren vor allem Casper van Uden und Pavel Bittner hervor. 

Während der Niederländer 2025 eine Giro-Etappe gewann und danach von der Bildfläche verschwand, konnte der Tscheche ein der Saison zuvor einen Tagesabschnitt der Vuelta für sich entscheiden und dieses Ergebnis 2025 mit vielen guten Platzierungen bestätigen. Der dritte schnelle Mann ist Fabio Jakobsen, der nach großen Verletzungssorgen auf einen erfolgreichen Neustart hofft. 

Während die Aussichten auf den flachen Strecken weiterhin durchaus rosig sind, ziehen, je höher die Reise geht, immer dunklere Wolken auf. Nach den Abgängen von Onley und Bardet bleibt als Topfahrer nur Max Poole. Der 22-Jährige hatte 2025 verletzungsbedingt kein gutes Jahr, hatte aber 2023 als Vierter der Tour de Romandie (2.UWT) und 2024 als Zweiter der Burgos-Rundfahrt (2.Pro) sowie als  Etappen- und Gesamtsieger der Tour de Langkawi (2.Pro) seine Klasse schon in ganz jungem Alter bewiesen.

Hinter dem Briten klafft allerdings eine große Lücke. Der ehemals erfolgreiche Kletterer Warren Barguil kann an sein früheres Niveau nicht mehr anknöpfen und James Knox hat sein Talent bergauf bei den Profis nie nachweisen können. So liegt die Hoffnung im Gebirge vielleicht sogar schon auf Juan Guillermo Martinez. Der 21-jährige Kolumbianer wechselte letzte Saison ohne große internationale Vorleistungen direkt in die WorldTour. Dort fiel er einige Male positiv auf, vor allem sein dritter Gesamtrang bei der Presidential Cycling Tour of Turkiye (2.Pro) sticht hervor.

Frank van den Broek (links) pilotierte 2024 auf der 1. Etappe der Tour de France seinen Teamkollegen Romain Bardet zum Etappensieg. | Foto: Cor Vos

Auch Frank van den Broek überzeugte auf höchstem Niveau einige Mal. Er will sich in der neuen Saison aber eher auf die schweren Eintagesrennen fokussieren als auf Rundfahrten. Für die "leichteren Klassiker" hat Picnic außerdem Nils Eekhoff in der Hinterhand. Der Niederländer erwarb vor allem Bekanntheit durch seinen Fast-WM-Titel in Yorkshire. Doch Durchbruch wollte ihm nie so richtig gelingen. Oft plagt sich Eekhoff mit Verletzungen herum – doch manchmal zeigt er plötzlich auf, so wie letztes Jahr bei Nokere Koerse (1.Pro), das er beim Comeback nach einem Kieferbruch dominant gewann.

Mit Niklas Märkl hat Degenkolb noch einen Landsmann an seiner Seite. Der 26-Jährige ist vor allem als Helfer eingeplant. Ansonsten wird bei Picnic - PostNl, das früher sogar mit deutscher Lizenz unterwegs war, nicht mehr Deutsch gesprochen. Auch beim Development Team, in dem man ebenfalls vergeblich nach potenziellen Heilsbringern sucht, finden sich keine deutschsprachigen Fahrer mehr.

Der Top-Transfer: Frits Biesterbos

Dass ein 23-jähriger Niederländer mit lediglich einer Saison Kontinental-Erfahrung und ohne UCI-Sieg der Top-Transfer eines WorldTeams ist, sagt viel über die Einkaufspolitik und die Gesamtsituation der Mannschaft aus. Doch auch wenn Biesterbos sicherlich kein Star ist, hat er 2025 doch für Furore gesorgt. 

Zwei Wochen, nachdem er überraschend vor Tibor Del Grosso (Alpecin – Premier Tech) Gravel-Meister seines Landes geworden war, stand die Heim-WM in dieser Disziplin an. Auf dem Weg nach Maastricht war er der letzte Athlet, der dem späteren Weltmeister Florian Vermeersch (UAE – Emirates – XRG) folgen konnte. Er fuhr so zu Silber und konnte dabei gestandene WorldTour-Profis wie Matej Mohoric (Bahrain Victorious), der Bronze gewann, hinter sich lassen.

Doch auch davor war Biesterbos bereits sportlich aufgefallen. Der ehemalige Mountainbiker wurde beim zweiten und dritten UCI-Rennen seiner Saison Zweiter, einmal am Hügel und einmal im Sprint. Auch bei den größeren Straßenrennen konnte er das ein oder andere Mal aufzeigen. Bei der Sibiu Tour (2.1) wurde Biesterbos Sechster im Massensprint und mit sechs Zehnteln Rückstand Zweiter im kurzen technischen Schlusszeitfahren mit Kopfsteinpflasteranstieg. Sein 19. Platz beim GP Wallonie (1.Pro) ist ebenfalls erwähnenswert. 

Seine 47 Renntage des Jahres 2025 sind doppelt so viele, wie er auf der Straße zuvor überhaupt absolviert hatte – und dazu zählen auch Kriterien. Was Biesterbos also noch fehlt, sind Erfahrung und Stabilität. Über seinen Motor sollte es keine Zweifel geben.

In Lecce sprintete Casper van Uden (Picnic – PostNL) schneller als Mads Pedersen (Lidl – Trek, in Rosa) und Olav Kooij (Visma – Lease a Bike). | Foto: Cor Vos

Im Fokus: Casper van Uden

Als van Uden 2025 in Lecce bei der 4. Etappe des Giro d’Italia als Erster über den Zielstrich sprintete, schien der Knoten geplatzt. Der 24-Jährige hatte schon vorher einige Erfolge erspurtet - in der Vorsaison war er viermal erfolgreich, unter anderem bei Rund um Köln (1.1). 

Schon in seiner Zeit beim Development Team gehörte er mannschaftsübergreifend beim Picnic-Vorgänger DSM in einigen Kategorien zu den besten Fünf, was die Wattwerte anbelangte. Auch bei den kurzen Anstiegen war er ganz vorn dabei. In welche Richtung es für den damals 19-Jährigen gehen sollte, war da noch völlig offen. Eine Karriere als Klassikerspezialist schien am wahrscheinlichsten, nicht zuletzt weil van Unden bei fürchterlichen Bedingungen 2022 als Gastfahrer Vierter beim Scheldepreis (1.Pro) wurde.

Inzwischen ist klar: van Uden ist ein Sprinter. Und als solcher hat er seine bisher elf Profisiege eingefahren. Doch auch nach dem Sieg in Lecce ist er nicht zur Weltspitze vorgestoßen. Auf der 12. Giro-Etappe wurde er hinter Olav Kooij (Visma – Lease a Bike) noch mal Zweiter, danach gab es für den Südholländer in der gesamten Restsaison nur noch zwei hintere Top-Ten-Ergebnisse. 

Oft hat van Uden Probleme mit der Positionierung. Mit seiner Vorliebe für lange Sprints ebnet er mit seinem auffällig großen Gang den Konkurrenten oft den Weg, wenn er mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftaucht. Kein Zweifel: Van Uden hat sein Potenzial bewiesen, doch um dauerhaft an der Spitze zu bleiben, muss er noch an Details feilen.

Das Aufgebot:

Warren Barguil (Frankreich / 34), Frits Biesterbos (Niederlande / 23), Pavel Bittner (Tschechien / 23), Dillon Corkery (Irland / 26), Timo de Jong (Niederlande / 26), John Degenkolb (Deutschland / 37), Robbe Dhondt (Belgien / 21), Matthew Dinham (Australien / 25), Nils Eekhoff (Niederlande / 27), Alexy Faure Prost (Frankreich / 21), Sean Flynn (Großbritannien / 26), Mattia Gaffuri (Italien / 26), Chris Hamilton (Australien / 30), Fabio Jakobsen (Niederlande / 29), James Knox (Großbritannien / 30), Bjorn Koerdt (Großbritannien / 21), Gijs Leemreize (Niederlande / 26), Niklas Märkl (Deutschland / 26), Juan Guillermo Martinez (Kolumbien / 21), Tim Naberman (Niederlande / 26), Max Poole (Großbritannien / 22), Timo Roosen (Niederlande / 33), Julius van den Berg (Niederlande / 29), Frank van den Broek (Niederlande / 25), Casper van Uden (Niederlande / 24), Bram Welten (Niederlande / 29)

Davon Neuzugänge:

Frits Biesterbos (Beat), Dillon Corkery (St Michel - Preference Home - Auber93), Timo de Jong (VolkerWessels), Alexy Faure Prost (Intermarché - Wanty), Mattia Gaffuri (Swatt), James Knox (Soudal - Quick-Step), Oliver Peace (Development Picnic - PostNL), Henri-Francois Renard-Haquin (Wagner - Bazin - WB)

Teamleitung:

Manager: Iwan Spekenbrink
Sportdirektor: Rudi Kemna
Sportliche Leiter: Albert Timmer, Ben Widdershoven, Bennie Lambregts, Christian Guiberteau, Dariusz Kapidura, Hans Timmermans, Joey van Rhee, Matthew Winston, Melvin Rullière, Philip West, Pim Ligthart, Roy Curvers

Material:

Rahmenhersteller: Specialized
Gruppe: Shimano
Laufräder: Ursus
Reifen: Michelin
Trikot: Nalini
Helm: Lazer

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