Ehrenkodex rettet den Topfavoriten der Tour

Als Pogacar stürzte, rief Evenepoel: “Stop, Stop, Stop!“

Von Joachim Logisch aus Toulouse

Foto zu dem Text "Als Pogacar stürzte, rief Evenepoel: “Stop, Stop, Stop!“"
Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG, links) und Tobias Johannessen (Uno-X Mobility) hatten den Unfall beim Überqueren des Zielstrichs schon besprochen. | Foto: Cor Vos

16.07.2025  |  (rsn) - Wie überall im Profisport geht es auch im Radsport um Siege, viel Geld und ums Prestige. Das gilt besonders für die Tour de France, wo Tagessiege und Platzierungen über das Schicksal eines Teilnehmers, aber auch eines Teams entscheiden können. Bei all dem Rummel um das Goldene Kalb hat sich der Radsport aber eine Besonderheit erhalten: den Ehrenkodex! Auch wenn er in einem anderen Fall nicht ganz eingehalten wurde!

Doch am Tag 11 der Frankreich-Rundfahrt fand eine der wertvollsten ungeschriebenen Regeln seine Anwendung: Wenn ein Anwärter auf den Toursieg stürzt, warten die Konkurrenten, bis er wieder aufgeschlossen hat.

In Toulouse war es Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG), der sich rund fünf Kilometer vor dem Ziel an einem Hinterrad aufhing. Der Weltmeister kam zu Fall und schlitterte Richtung Bordstein. Sofort wurde daraufhin vorne das Tempo rausgenommen, bis Pogacar wieder aufgeschlossen hatte. “Ich habe großen Respekt vor ihnen. Ich bin dankbar, dass sie auf diese Weise keine Sekunden gewinnen wollten“, bedankte sich der Verunglückte bei Sporza.

In einer Pressemitteilung meldete sich Pogacar später weiter zu Wort: "Ich bin recht okay – etwas angeschlagen, aber ich habe schon Schlimmeres erlebt. Es war ein hektischer Tag vom Start bis ins Ziel und dann hatte ich den kleinen Sturz. Aber ein Dank ans Feld: Sie haben gewartet. Klar, das Rennen war mehr oder weniger vorbei, aber trotzdem hätten sie Zeit herausholen können – vielleicht nicht allzu viel, aber ich hätte schon sehr tief gehen müssen, um zurückzukommen. Deshalb großer Respekt an alle dort vorn – danke!“ Tatsächlich hätte er etwas Zeit verlieren können. Denn als der UAE-Kapitän über den Asphalt schlitterte, ging vor ihm die Post ab.

Pogacar: "Angst, dass ich mit dem Kopf gegen den Bürgersteig  pralle"

"Wir sind vom Berg runtergekommen und ich denke, jeder war etwas platt“, schildert Pogacar den Unfall aus seiner Sicht. "Matteo (Jorgenson) und Jonas (Vingegaard) haben mit ihren Attacken alle ans Limit gebracht. Dann hat Jhonny (Narvaez) versucht, die Kontrolle zu übernehmen, aber es wollte natürlich jeder Sekunden herausholen. Deshalb wurde wieder attackiert und andere sind gefolgt. Leider ist ein Fahrer beim Folgen von links nach rechts rüber gezogen und – ich weiß nicht – er hat mich wohl nicht gesehen und hat mich komplett geschnitten und mein Vorderrad weggezogen.“

Nach dem Sturz stieg er schnell wieder aufs Rad, es hätte auch schlimmer ausgehen können. Pogacar: "Glücklicherweise ist nur etwas Haut ab. Ich hatte Angst, als ich den Bürgersteig auf mich zukommen sah, dass ich mit dem Kopf dagegen pralle. Aber glücklicherweise ist meine Haut rau und hat mich vor dem Randstein gestoppt."

Der Fahrer war Tobias Johannessen (Uno-X Mobility), dem der Vorfall sehr leidtat. “Das ganze Peloton hat sich nach rechts bewegt und ich bin der Bewegung einfach gefolgt. Ich glaube, dass Tadej am Radio war und so sind wir miteinander in Berührung gekommen. So etwas passiert, aber ich wollte auf keinen Fall, dass er stürzt und ich glaube auch nicht, dass sich das ein anderer Fahrer im Peloton wünschen würde. Wir haben in der Gruppe gewartet und ich hoffe, es geht ihm gut. So etwas passiert einfach, aber es tut mir leid für ihn, keiner will stürzen. Ich habe nach dem Rennen mit ihm gesprochen und mich entschuldigt, aber ich glaube nicht, dass einer von uns da etwas gegen tun konnte. Er meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, aber es tut mir trotzdem leid für ihn“, war der Norweger tief geknickt.

Stop, im Namen des Kodex

Seine größten Konkurrenten wollten, ganz gemäß dem Kodex, auf diese Weise keine Zeit gut machen. Laut Ilan Van Wilder (Soudal - Quick-Step), der in diesem Moment an der Spitze fuhr, schaltete sein Kapitän Evenepoel am schnellsten. "Ich selbst hatte nichts von dem Sturz gesehen. Ich wusste wirklich nicht, dass Tadej gestürzt war, aber Remco rief: "Stopp, stopp, stopp!“

Alle befolgten das Kommando zum Innehalten. Niemand beschwerte sich, als sich die wilde Jagd zum Ziel in Toulouse plötzlich in eine touristische Ausfahrt verwandelte. "Das ist eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz. Es ging da ja auch nicht um den Tour-Sieg, sondern darum, Respekt zu zeigen. Es ist immer eine schwierige Entscheidung. Der Etappensieg war weg, wenn es darum noch gegangen wäre, wüsste ich nicht, wie es ausgegangen wäre“, zweifelte Red-Bull-Sportchef Rolf Aldag, ob der Kodex immer noch in aller Auslegung gilt.

Dem Kodex ans Bein gepinkelt

Auch beim Tour-Debütanten Florian Lipowitz (Red Bull - Bora - hansgrohe) gilt der Kodex. "Ich habe den Sturz von Pogacar nicht mitbekommen, aber wir haben das Tempo ein wenig herausgenommen. Das gehört auch zum Radsport dazu, dass man dann nicht weiterfährt.“ Unterwegs hatte sich der Ulmer beschwert, weil eine andere Regel des ungeschriebenen Gesetzbuches nicht eingehalten wurde. Denn als ein großer Teil des Pelotons eine Pinkelpause einlegte, wurde vorne entgegen dem Kodex attackiert. Das brachte auch Pascal Ackermann in Rage: "Es war von Beginn an ein schnelles Rennen und dann haben sie an der Verpflegung wieder attackiert, als die Leute pinkeln waren. Eigentlich war es eine Frechheit, wie sie attackiert haben!“

Pogacar half die Zurückhaltung der Favoriten, was auch seinem Sportlichen Leiter Andrej Hauptman bei Eurosport rührte: "Wir müssen uns bei unseren Rivalen bedanken, denn sie haben wirklich Fair-Play gezeigt und gewartet. Das war schön zu sehen. Wir waren erst ganz schön nervös, als er stürzte, aber er scheint okay zu sein, denn von hier aus geht es nur noch aufwärts."

Pogacar kommt mit Prellungen und Schürfwunden davon

Schwerer verletzt scheint sich Pogacar nicht zu haben, glaubt man seinem Teamkollegen Tim Wellens, der bei Sporza sagte: "Tadej hat nur ein paar Schürfwunden. Ich denke, er ist gut davongekommen. Es hätte viel schlimmer kommen können.“

Das bestätigte auch Teamarzt Dr. Adrian Rotunno: "Nach einer vollständigen Untersuchung nach der Etappe hat Tadej glücklicherweise keine schweren Verletzungen davongetragen. Keine Gehirnerschütterung oder Knochenbrüche. Er hat einige allgemeine Prellungen und Schürfwunden am linken Unterarm und an der Hüfte, ist aber ansonsten in Ordnung. Wir werden ihn weiterhin beobachten, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist er medizinisch in der Lage, das Rennen fortzusetzen.“

Wie es ihm wirklich geht, wird man erst in den kommenden Tagen auf dem Weg nach Hautacam, einer Bergankunft der höchsten Kategorie und am Tag darauf im Bergzeitfahren sehen. Denn ein heftiger Aufschlag bei hohem Tempo auf den Asphalt war es auf jeden Fall!

Das weiß auch Pogacar, der sich kämpferisch gab: "Morgen kommt ein großer Tag. Mal sehen, wie ich mich erhole. Normalerweise ist man am Tag nach einem Sturz nie auf dem besten Level. Aber ich werde mein Bestes geben und dann werden wir sehen. Wir sind als Team bereit für Hautacam."

Mehr Informationen zu diesem Thema

11.02.2026Kuss mit Vingegaard zum Giro-Tour-Double, Deutsche müssen warten

(rsn) – Stephen Roche, Miguel Indurain, Marco Pantani, Tadej Pogacar – und wenn es nach Visma – Lease a Bike geht ab diesem Herbst auch Jonas Vingegaard. Die Liste der Fahrer, die in den letzten

02.02.2026Pidcock will bei der Tour “das Leiden genießen“

(rsn) – Vor vier Tagen und rund fünf Monate vor dem Grand Départ am 4. Juli in Barcelona hat die ASO die an der 113. Tour de France teilnehmenden Mannschaften bekannt gegeben. Automatisch qualifiz

30.01.2026Tour de France mit Tudor und Pinarello, keine Wildcard für Unibet

(rsn) – Rund fünf Monate vor dem Grand Départ am 4. Juli in Barcelona hat die ASO die an der 113. Tour de France teilnehmenden Mannschaften bekannt gegeben. Zu den automatisch startberechtigten 1

28.01.2026Evenepoel ist ”der Jüngste” und erinnert Denk an Sagan

(rsn) – Am Donnerstag wird Remco Evenepoel im Teamzeitfahren der Trofeo Ses Salines (1.1) auf Mallorca sein erstes Rennen für Red Bull – Bora – hansgrohe bestreiten. Und die Hoffnungen und Erwa

23.01.2026“Wer im Frühjahr zu viel fährt, bezahlt bei der Tour die Rechnung“

(rsn) – Möglicherweise wird Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) nur vier Rennen in der Saison 2026 bestreiten: Zum Grand-Tour-Double aus Italien- und Frankreich-Rundfahrt kommen noch die UAE

15.01.2026Onley: Thomas’ Toursieg 2018 “Lieblingsmoment im Sport“

(rsn) – Der neue Ineos-Sportdirektor Geraint Thomas hält große Stück auf Neuzugang Oscar Onley. Der Vierte der Tour de France wiederum outete sich in einem ersten Interview mit dem britischen Tea

14.01.2026Visma auch 2026 ohne Niederländer zur Tour de France?

(rsn) – Bereits in der vergangenen Saison nahm Visma – Lease a Bike keinen Niederländer mit zur Frankreich-Rundfahrt. Und auch die am 4. Juli im spanischen Barcelona beginnende 113. Tour de Franc

13.01.2026Vingegaard: “Glaube, dass ich nach Giro bei Tour noch besser sein kann“

(rsn) – Jonas Vingegaard hat im Rahmen der Teampräsentation von Visma – Lease a Bike am Dienstag in La Nucia in der Nähe von Calpe an der spanischen Costa Blanca offiziell bestätigt, worüber i

17.12.2025Martinez: “...dann bewegt sich mein Rad einfach nicht vom Fleck“

(rsn) – In seinem ersten Jahr bei Bahrain Victorious ist Lenny Martinez der Durchbruch in der WorldTour gelungen. Der Franzose feierte Etappensiege bei Paris-Nizza, der Tour de Romandie und dem Crit

15.12.2025Pogacar mit bewährten Kräften zur Mission fünfter Toursieg?

(rsn) - Tadej Pogacar befindet sich in einer komfortablen Situation: Neben seiner überragenden Klasse kann der zweimalige Weltmeister auch auf ein herausragend stark besetztes Team UAE – Emirates

14.12.2025Del Toros Tour-Ziel 2026: “So viel und schnell wie möglich lernen“

(rsn) – Nach der schmerzhaften Niederlage gegen Simon Yates (Visma – Lease a Bike) im Finale des Giro d´Italia 2025 und einem fulminanten Herbst, in dem er bei den italienischen Klassikern von Si

14.12.2025Almeida: “Pogacar braucht mich nicht, um eine GT zu gewinnen“

(rsn) – Joao Almeida wird im kommenden Jahr voraussichtlich kein einziges Rennen an der Seite von Tadej Pogacar bestreiten, sondern stattdessen durchgängig der zweite Leader des Teams UAE – Emira

Weitere Radsportnachrichten

14.02.2026Radsport live im Stream und im TV: Die Rennen des Tages

(rsn) – Welche Radrennen finden heute statt? Wo und wann kann man sie live im Fernsehen oder Stream verfolgen? Und wo geht´s zum Live-Ticker? In unserer Tagesvorschau informieren wir über die wic

14.02.2026Morgado schlägt Aranburu und feiert Titelverteidigung

(rsn) – Die Nummer 1 auf dem Rücken, die Nummer 1 im Ziel: Antonio Morgado (UAE – Emirates – XRG) hat seinen Titel bei der Figueira Champions Classic (1.Pro) verteidigt. Der Portugiese, der dam

14.02.2026Vandeputte zündet den Turbo und fängt Vanthourenhout noch ab

(rsn) – Der Belgier Niels Vandeputte (Alpecin – Premier Tech) hat beim Waaslandcross in Sint-Niklaas mit einem bärenstarken Sprint auf den letzten Metern noch seinen Landsmann Michael Vanthouren

14.02.2026Rodriguez düpiert: Riccitello mit perfektem Decathlon-Einstand

(rsn) – In einem packenden Bergaufsprint hat Matthew Riccitello (Decathlon - CMA CGM) die Königsetappe der 10. Tour de la Provence (2.Pro) für sich entschieden und mit seinem ersten Saisonsieg auc

14.02.2026Murcia: Liepins Sieger ohne Wert, Etappe neutralisiert

(rsn) – Aufgrund extremer Windverhältnisse wurde die abschließende 2. Etappe der 46. Murcia-Rundfahrt (2.1) auf einen Zehn-Kilometer-Rundkurs im Zielort Santomera reduziert – allerdings bis auf

14.02.2026Brand in Sint-Niklaas mit später Offensive zum Hattrick

(rsn) – Weltmeisterin Lucinda Brand (Baloise – Glowi Lions) hat sich beim Waaslandcross in Sint-Niklaas ihren 20. Saisonsieg gesichert. Die 36-jährige Niederländerin setzte sich im letzten Lauf

14.02.20263. Valencia-Etappe abgesagt, Murcia und Figueira Classic abgeändert

(rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R

13.02.2026Voß, Kasper und Co.: Deutsche mit gemischten Gefühlen

(rsn) - Nachdem die Straßensaison schon in vollem Gange ist, steht für die Gravel-Pros mit Santa Vall by The Traka nun auch das erste namhafte Rennen im europäischen Kalender auf dem Programm. Am

13.02.2026Van der Poel will seine Karriere bei Alpecin ausklingen lassen

(rsn) - Mathieu van der Poels Langzeitvertrag mit Alpecin - Premier Tech läuft noch bis Ende 2028. In jenem Jahr hat der Niederländer große Ziele: Bei der Cyclocross-Weltmeisterschaft in Hoogerheid

13.02.2026Provence: Buchmann, Kragh Andersen und Mollema nicht im Ziel

(rsn) – Gleich drei bekannte Namen kamen nicht ins Ziel der 1. Etappe der Tour de la Provence. Bei seinem Saisoneinstieg beendete Cofidis-Kapitän Emanuel Buchmann aus noch unbekanntem Grund das Ren

13.02.2026Ferguson überrascht die Konkurrenz 600 Meter vor dem Ziel

(rsn) – Cat Ferguson (Movistar) hat die Sprinterrinnen auf der 2. Etappe der Valencia-Rundfahrt der Frauen (2.Pro) mit einer Attacke 600 Meter vor dem Ziel überrascht und so ihren zweiten Saisonsie

13.02.2026UAE-Doppelsieg beim Windspektakel zum Murcia-Auftakt

(rsn) – Marc Soler und Julius Johansen (beide UAE – Emirates – XRG) haben den stark vom Wind beeinflussten ersten von zwei Renntagen der Murcia-Rundfahrt (2.1) dominiert. Die auf 83,5 Kilometer