Das Graue Trikot – Teil 9

Hotel Mama auf zwei Rädern

Von Guido Scholl

Foto zu dem Text "Hotel Mama auf zwei Rädern"

Jens Voigt (Saxo Bank) auf der 9. Etappe der Tour de France

Foto: ROTH

13.07.2009  |  (rsn) - Jens Voigt ist auf der letzten Pyrenäenetappe wieder mal in seinem Element gewesen. Der Mann ackerte und rackerte und hielt die Fahne der Ãœ35-Senioren hoch. Erst befand er sich in der aussichtsreichsten Ausreißergruppe, dann holte er Wasser für seine Teamkollegen und ganz am Schluss sorgte er sogar noch dafür, dass sein Kapitän keine Zeit auf die Konkurrenz einbüßte.

Voigt ist ein Arbeitstier. Und einer mit dem richtigen Riecher. Da verzeiht man ihm beinahe seine manchmal irritierenden Äußerungen über Berufskollegen, die er gern mal auf den Scheiterhaufen wünscht (O-Ton), und seine Auftritte im ZDF-Sportstudio. Alle Achtung, wie er gestern die entscheidende Gruppe erwischte. Franco Pellizotti und Pierrick Fedrigo machten dann aber den Sieg unter sich aus – ohne Voigte, der am Tourmalet auf halber Strecke zum Gipfel gegen die Wand fuhr, wie man bildlich spricht.

Der Jens aus Meck-Pomm steckte dann aber keineswegs den Sand ins Getriebe. Wohldosiert bewältigte er den bis jetzt schwersten Anstieg der 96. Tour de France und ließ sich kurz vor dem Gipfel vom Hauptfeld einholen. So konnte er in der Fläche noch wertvolle Helferdienste leisten. Beispielsweise Trinkflaschen vom Begleitwagen holen und zu Andy Schleck bringen. Wenn der fast 38-jährige Voigt dem gerade 24-jährigen kleinen Schleck einen Energiedrink serviert, hat das ja immer so ein bisschen `was von „Hotel Mama“ auf zwei Rädern.

Und dann die Schrecksekunde 3,8 Kilometer vor dem Ziel. Andy hatte `ne Panne. Und wer war zur Stelle? Richtig, Jens Voigt. Der keulte und keulte und brachte den Mann fürs Gesamtklassement bei Saxo Bank wieder an die Favoritengruppe heran. Toll. Jens Voigt ist das Mädchen für alles, könnte man sagen. Nach der Etappe haben Andy und Frank ihm noch die Ausgehschuhe vor die Zimmertür gestellt, damit er die mal ordentlich poliert. In einem der Schuhe steckte ein Erinnerungszettel – am Vortag hatte Voigte nämlich vergessen, im Hotelzimmer der Schlecks durchzusaugen und die Betten aufzuschütteln.

Nur eines hat nicht geklappt bei der Tourmalet-Etappe. Eigentlich sollte Voigte als Relais-Station fungieren und den ausgerissenen Andy oder Frank mit etwas Führungsarbeit ein Stück den Berg hochziehen. Nun weiß man nicht, ob die Schlecks die dazu nötige Attacke eh gestrichen hatten oder ob der Schwächeanfall vom Jens das Unternehmen torpedierte. Ist auch nicht so wichtig. Hauptsache, die Schuhe blitzen und die Zimmer sind picobello.

Voigt konnte sich für seine Schufterei gestern nicht mal mit dem Etappensieg der Wertung „Graues Trikot“ trösten. Der ging zum vierten Mal an Schorse Hincapie, der als 16. über den Zielstrich fuhr. Immerhin verbesserte sich der Deutsche vom Saxo Bank-Team in der Grauen Gesamtwertung auf Platz fünf. Das hatte aber mehr damit zu tun, dass Christophe Moreau und Jose-Luis Arrieta am Tourmalet unglaublich alt aussahen.

Nun sind im Kampf um Platz drei hinter den Überfliegern der Ü35-Wertung nur noch zwei Kandidaten übrig: Schorse Hincapie und Stephane Goubert. Ein brutales Ausscheidungsfahren, das sich die alten Männer dieser Tour liefern. Das führte nun sogar dazu, dass vier Mann bereits mehr als eine Stunde Rückstand zum Lance haben, der dem Grauen Trikot am Ruhetag den nötigen Glanz verleiht. Und eines muss man den 15 Ü35-„Jung“ auch mal bescheinigen: Sie sind zäh. Noch musste keine die Tour verlassen.

SN-Wertung Graues Trikot:
1. Lenz
2. Levi +0:31
3. Schorse Hincapie +5:17
4. Stephane Goubert +6:46
5. Jens Voigte +22:54
6. Christophe Moreau +27:50
7. Jose-Luis Arrieta +31:53
8. Bingen Fernandez +44:23 9. Inigo Cuesta +50:47
10. Marzio Bruseghin +57:49
11. Stuart O'Grady +59:34
12. Joan Horrach +1:03:45
13. Matteo Tosatto +1:12:06
14. Paco Wrolich +1:15:59
15. Steven de Jongh +1:20:15

Etappensiege Ü35:
Levi: 2, Hincapie: 4, Voigte 1, Moreau: 1, Astana: 1;

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