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07.02.2022 | (rsn) - Auch diesmal nehmen wir zu Saisonbeginn die 18 WorldTour-Teams unter die Lupe: Wie lief es im vergangen Jahr, welche Veränderungen gibt es in den Aufgeboten, was ist in der neuen Saison von Lotto Soudal zu erwarten?
Sprinter Caleb Ewan ist die personifizierte Sieggarantie für Lotto Soudal. Dazu verfügt der Kader über viel Talent. Doch im UCI-Teamranking schnitt die belgische Equipe zuletzt dürftig ab. Der Status als WorldTour-Team ist in Gefahr. Außerdem fehlt für 2023 noch ein Sponsor.
Rückblick auf die Saison 2021
Eine Sturz dürfte Lotto Soudal wohl um eine bessere Saisonbilanz gebracht haben: Caleb Ewan musste nach der 3. Etappe der Tour de France die Rundfahrt mit einem gebrochenen Schlüsselbein aufgeben. Zuvor hatte der Australier bereits zwei Tagessiege beim Giro d’Italia gefeiert – und auch bei der Tour wären Erfolge möglich gewesen. Trotzdem verkaufte sich das Team im Saisonverlauf mit aktiver Fahrweise teuer, auch wenn zwölf Saisonsiege gewiss kein Spitzenwert sind – und alleine sechs davon auf das Konto von Ewan gingen.

Caleb Ewan startete perfekt in die Saison 2022. Der Australier gewann die 1. Etappe der Saudi Tour. | Foto: Cor Vos
Gerade die jungen Fahrer taten sich hervor: Andreas Kron gewann je eine Etappe der Tour de Suisse und der Katalonien-Rundfahrt, Brent van Moer ein Teilstück beim Critérium du Dauphiné. Florian Vermeersch überraschte im Herbst mit einem zweiten Platz bei Paris-Roubaix, bereits im Frühjahr wurde Ewan Zweiter bei Mailand-Sanremo. Einen Tagessieg bei der Katalonien-Rundfahrt feierte Thomas De Gendt.
Andere etablierte Fahrer blieben dagegen hinter den Erwartungen zurück: Tim Wellens gewann zwar zum Saisonbeginn den Étoile de Bessèges, blieb danach aber ohne weitere Erfolge. Auch Philipp Gilbert (39) verpasste mit Ausnahme von Platz fünf beim Omloop Het Nieuwsblad weitere Spitzenresultate, John Degenkolb bestes Ergebnis war Platz zwei bei Eschborn-Frankfurt.
Die wichtigsten Zu- und Abgänge
Degenkolbs Zeit im Team war nicht von Erfolg gekrönt, wenig überraschend trennten sich deshalb wieder die Wege, der Deutsche fährt künftig wieder für DSM. Der routinierte Pole Tomasz Marczynski beendete seine Karriere. Mit Tosh van der Sande verlor Lotto Soudal einen vielseitigen Helfer an Jumbo - Visma, mit Stefano Oldani ein junges Sprinttalent an Alpecin - Fenix. Gerben Thijssen und Kobe Goossens zeigten in ihren beiden ersten Profijahren gute Ansätze, zogen jedoch weiter zu Intermarché - Wanty Gobert.

Roger Kluge und die beiden deutschen Neuzugänge Rüdiger Selig und Michael Schwarzmann (v.l.) sollen als Sprintzug Caleb Ewan zu Siegen führen. | Foto: Hennes Roth
Mit Rüdiger Selig und Michael Schwarzmann (beide Bora - hansgrohe) sicherte sich das Team dagegen die Dienste zweier erprobter Sprintanfahrer. Victor Campenaerts (Qhuebeka - NextHash) bietet als Tempomacher sowohl Unterstützung für Sprintankünfte als auch bei den Klassikerambitionen des Teams. Neu dabei sind außerdem Cedric Beullens (Sport Vlaanderen - Baloise), Jarrad Drizners (Axeon Hagen Bermans) und Arnaud De Lie aus dem eigenen Nachwuchsteam.
Veränderungen gibt es auch in der sportlichen Leitung: Die langjährigen Teammanager Marc Sergeant und Herman Frison haben Lotto Soudal verlassen. Neu in der Verantwortung sind die Britin Cherie Pridham, zuvor bei Israel – Premier Tech aktiv, sowie die Ex-Profis Nikolas Maes und Allan Davis. Letzterer wird sich vor allem um die Abteilung Sprint kümmern.
Im Fokus: Die Zugehörigkeit zur WorldTour
Der Sponsor Soudal hat zur Saison 2023 bereits seinen Wechsel zur nationalen Konkurrenz von Quick-Step angekündigt. Lotto benötigt nun einen weiteren Geldgeber, ohne den die Zukunft des Rennstalls gefährdet ist – zumal der Radsportweltverband UCI am Saisonende 18 neue WorldTour-Lizenzen für die kommenden drei Jahre vergibt.
Auch in sportlicher Hinsicht muss sich das Traditionsteam steigern: Im entscheidenden Dreijahresranking belegt Lotto Soudal nach zwei Jahren nur Platz 20. Speziell für die Sponsorensuche ist die frühere Astana-Managerin Yana Seel eingestellt worden. Was zusätzlich hilft, sind selbstredend Erfolge durch Ewan, aber auch eine attraktive und offensive Fahrweise.
Aufgepasst auf ... Florian Vermeersch
Die Aufmerksamkeit der Radsportwelt ist dem jungen Belgier in diesem Jahr gewiss. Vermeerschs zweiter Platz bei seinem Paris-Roubaix-Debüt war beeindruckend. Allerdings hatte er auch zuvor bereits beachtliche Ergebnisse eingefahren, unter anderem in seiner ersten Profisaison mit Rang 16 beim E3 Harelbeke sowie Platz 13 bei Gent-Wevelgem. Vermeersch bringt alle Anlagen für die flämischen Klassiker mit: Er kann passabel sprinten und ist ein guter Zeitfahrer, bei der U23- WM gewann er Bronze.

Harm Vanhoucke (v.l.), Brent Van Moer und Florian Vermeersch sind einige der großen Talente des Teams. Vermeersch überraschte im vergangenen Jahr bei Paris-Roubaix mit Platz zwei. | Foto: Cor Vos
Dennoch sollte man für 2022 nicht automatisch Top-Ergebnisse von Vermeersch erwarten. Es geht für den 22-Jährigen vor allem darum, seine Entwicklung mit guten Auftritten zu bestätigen und weitere Erfahrungen zu sammeln. Den nötigen Ehrgeiz bringt Vermeersch aber gewiss mit: Bei Paris-Roubaix ärgerte er sich zuerst über knappe Niederlage, anstatt den sensationellen zweiten Platz zu sehen.
Ausblick auf die Saison 2022:
Ewan ist der aktuell vermutlich schnellste Sprinter im Peloton und zugleich die mit Abstand größte Nummer im Kader von Lotto Soudal. Die Teamleitung war daher gut beraten, diese Stärke weiter zu fördern und seinen Sprintzug mit Selig und Schwarzmann zu verstärken. Bleibt Ewan sturzfrei, garantiert der Australier fünf bis zehn hochwertige Siege. Im Vorjahr zeigte Ewan zudem, dass er auch den Coup bei Mailand-Sanremo in den Beinen hat. Ein Monument gewann das Team zuletzt 2011 durch Philippe Gilbert, der damals Lüttich-Bastogne-Lüttich gewann.
Die Abhängigkeit von Ewan ist umso größer, da Lotto Soudal kaum Interesse an den Klassements der großen Rundfahrten zeigt – wodurch wiederum wichtige Punkte für das Teamranking verloren gehen. Der Kader verfügt zwar über viel Talent, es mangelte zuletzt allerdings an zuverlässigen Siegfahrer. Deutlich mehr wird die Teamleitung daher von Wellens erwarten: Der Belgier gewinnt wohl keinen großen Klassiker mehr, in guter Form ist er jedoch immer für Etappensiege gut. Auf dieses Niveau muss der 30-Jährige 2022 zurück finden.
Für die Frühjahrsklassiker ist das Team mit Gilbert, Wellens, Vermeersch und Campenaerts ordentlich aufgestellt, wobei Gilbert sich vor allem auf Mailand-Sanremo und die Ardennenklassiker konzentriert. Ob der Belgier mit seinen fast 40 Jahren allerdings nochmals um den Sieg wird kämpfen können, ist fraglich. Das eine oder andere gute Ergebnis auf dem Pavé oder in den Ardennen ist dennoch möglich.

Tim Wellens zeigte zum Saisonstart mit seinem Gewinn der Trofeo Serra de Tramuntana auf Mallorca, dass er auf dem Weg ist, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen.
Ohnehin steht das Team vor einem Generationswechsel, denn auch De Gendt (35) befindet sich in seinem letzten Vertragsjahr, die Fortsetzung der Karriere ist ungewiss. Die Ablösung für die Routiniers steht teamintern allerdings schon bereit: Kron, van Moer, der Australier Harry Sweeny und Harm Vanhoucke, immer Gesamtelfter bei Paris-Nizza 2021. Alle sind 24 Jahre oder jünger, besitzen vielversprechende Anlagen und haben bereits einige Achtungserfolge erzielt.
Auch Maxim van Gils (22), Xandres Vervloesem (21) sowie die Neuzugänge Beullens (24) und De Lie (19) haben großes Potenzial. Sie sollten in der kommenden Saison mehr Freiheiten erhalten. Denn das Team kann von ihrer offensiven Fahrweise nur profitieren, wie die Vorstellungen von Kron und Van Moer im Vorjahr zeigten.
Auch wenn Lotto Soudal auch 2022 überwiegend auf Ewan-Siege angewiesen sein wird: Mit all ihren Talenten kann die die belgische Equipe zuversichtlich nach vorne schauen. Bei der Mallorca Challenge und der Saudi Tour fuhr Lotto Soudal bereits fünf Siege ein. Tim Wellens und Arnaud De Lie waren auf der Baleareninsel erfolgreich, Caleb Ewan feierte einen Sprintsieg bei der Saudi Tour, die sein junger Teamkollege Maxim Van Gils für sich entschied, nachdem er die Königsetappe gewonnen hatte.
Eckdaten:
Land: Belgien
Sponsor: Lotto, Soudal
Branche: Glücksspiel, Baustoffherstellung
Manager: John Lelangue
Radausrüster: Ridley
Teamranking 2021: 18
Siege 2021: 12
Fahrer im Aufgebot: 27
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