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14.05.2019 | (rsn) - Sechs Kilometer vor dem Ziel nahm die bis dahin weitgehend spannungslos verlaufene 4. Etappe des Giro d'Italia über 235 Kilometern von Orbetello nach Frascati eine dramatische Endung. Als die Teams bei hohem Tempo um die besten Positionen für ihre Kapitäne kämpften, zerriss ein Massensturz im vorderen Teil das Feld in zwei Teile.
Vorne übrig blieben nur noch rund 20 Fahrer, darunter der Deutsche Meister Pascal Ackermann (Bora - hansgrohe) und Primoz Roglic (Jumbo - Visma), der Träger des Rosa Trikots. Alle anderen der Favoriten auf den Gesamtsieg dagegen wurden entweder aufgehalten oder, wie Tom Dumoulin (Sunweb), in Mitleidenschaft gezogen. Der Niederländer landete im Straßengraben und zog sich dabei eine blutende Wunde an seinem linken Bein zu.
Zwar setzte sich der Sieger von 2017 und Gesamtzweite von 2018 wieder auf sein Rad, kam in Frascati aber mit mehr als vier Minuten Rückstand auf den Etappengewinner Richard Carapaz (Movistar) ins Ziel. Der Ecuadorianer und Gesamtvierte der letztjährigen Auflage trat auf den letzten 400 Metern des rund zwei Kilometer langen Schlussanstiegs an und sicherte sich seinen zweiten Tagessieg nach 2018 knapp vor Caleb Ewan (Lotto Soudal), dessen späte Aufholjagd fast noch erfolgreich gewesen wäre.
“Es war ein schwieriges Finale, das ich nicht so erwartet habe. Eigentlich wollte ich nur keine Zeit verlieren und mein Team hat alles getan, um mich vorne zu behalten“, freute sich Carapaz über seinen Coup. “Ich wusste, dass es hart wird die Sprinter zu bezwingen. Heute war es die richtige Attacke zum richtigen Zeitpunkt", erklärte der freudenstrahlende Südamerikaner im Ziel.
Dagegen verpasste der knapp geschlagene Ewan seinen zweiten Giro-Etappenerfolg nur um wenige Meter. "Es war sehr hart. Für mich ist es enttäuschend, dass ich wieder so knapp vorbeigeschrammt bin. Ich sah, dass Carapaz 300 Meter vor dem Ziel angriff, aber da konnte ich nicht mitgehen. Am Ende bin ich selbst sogar fast gestorben im Sprint. Ich habe alles gegeben, aber es hat nicht gereicht“, kommentierte der 24-jährige Australier den Ausgang des Rennens, der auch für den sechs Jahre älteren Ulissi enttäuschend war, der mit seinem UAE Team Emirates für die entscheidende Verkleinerung im Feld der Favoriten sorgte.
"Wir haben auf den letzten beiden Kilometern alles versucht, um die Sprinter loszuwerden. Das ist uns gelungen, aber dann sprang Carapaz an uns vorbei. Dann ging Ewan und er war auch stark. Danach konnte ich nicht mehr viel machen“, sagte der UAE-Kapitän, der damit weiter auf seinen siebten Giro-Tagessieg warten muss.
Ackermann belegte hinter Diego Ulissi (UAE - Team Emirates), der die perfekte Vorbereitung seines Mannschaftskollegen Valerio Conti nicht vollenden konnte, einen sehr guten vierten Platz vor Florian Senechal (Deceuninck - Quick-Step) und Roglic, der zwar im Ziel keine Bonussekunden sammeln konnte, aber 16 Sekunden auf seine schärfsten Konkurrenten gut machen konnte.
Damit baute der Slowene seinen Vorsprung im Gesamtklassement aus und liegt 35 Sekunden vor Simon Yates (Mitchelton - Scott), weitere vier Sekunden dahinter folgt Vincenzo Nibali (Bahrain - Merida) auf Rang drei. Zeitgleich mit je 44 Sekunden Rückstand belegen Miguel Angel Lopez (Astana) und Diego Ulissi (UAE - Team Emirates) die Plätze vier und fünf. Bora-hansgrohe-Kapitän Rafal Majka (+0:49) behauptete Rang sechs.
So lief das Rennen:
Marco Frapporti (Androni - Sidermec), Mirco Maestri (Bardiani - CSF) und Damiano Cima (Nippo-Fantini - Faizanè) bildeten die Gruppe des Tages, die sich sofort nach dem Start aus dem Feld löste und vom zunächst bummelnden Feld bis zu Kilometer einen Vorsprung von mehr als 12:30 Minuten zugestanden bekam - so viel wie noch keine Ausreißergruppe bei diesem Giro. Frapporti sicherte sich nach bereits 32 Kilometern die einzige Bergwertung des Tages, ehe der Abstand in Folge der intensivierten Tempoarbeit im Feld schrumpfte.
Das italienische Trio, das bereits auf der 2. Etappe zu den damals acht Ausreißern des Tages gehörte, wehrte sich nach Kräften und baute den Vorsprung, der zunächst auf sechs Minuten zurückgegangen war, bis 90 Kilometer vor dem Ziel wieder auf fast neun Minuten aus.
Erst jetzt klinkten sich bei strahlendem Sonnenschein auch die Sprintermannschaften Bora - hansgrohe, Lotto Soudal, UAE - Team Emirates und Deceuninck - Quick-Step in die Nachführarbeit, für die bis dahin fast ausschließlich Jumbo - Visma verantwortlich zeigte. Die Tempoverschärfung zeigte Wirkung: 50 Kilometer vor dem Ziel hatten die Verfolger den Rückstand auf rund 4:30 reduziert, ehe Cima sich den zweiten Zwischensprint des Tages und die Führung in der Intergiro-Sonderwertung holte. Beim ersten, der zur Rennhälfte anstand, hatte er sich noch Maestri hatte geschlagen geben müssen.
Nachdem sich die vier großen Sprinterteams lange Zeit die Verfolgungsarbeit aufgeteilt hatten, zeigten sich auf den letzten 30 Kilometern auch Außenseitermannschaften wie Katusha - Alpecin oder Israel Cycling Academy an der Spitze des Feldes. In Erwartung der welligen Schlussphase kam es schon früh im Feld zu ersten Positionskämpfen, was aber nichts daran änderte, dass der Abstand weiter zurückging.
20 Kilometer vor dem Ziel fiel Cima nach einer Tempoverschärfung von Frapporti, der lange Zeit virtuell im Rosa Trikot unterwegs war, aus der Spitzengruppe heraus, die zu diesem Zeitpunkt aber nur noch 1:20 Minuten vor dem Feld lag. Zwölf Kilometer vor dem Ziel landeten bei einem Sturz im hinteren Teil des Feldes mehrere Helfer aus den Sprinterteams, darunter auch Ackermanns Teamkollege Cesare Benedetti und Stundenweltrekordler Victor Campenaerts, auf dem Asphalt, konnte aber das Rennen fortsetzen.
Knapp zehn Kilometer vor dem Ziel wurden auch die letzten beiden der Ausreißer eingefangen, woraufhin zunächst Mitchelton - Scott, Sunweb und Bahrain -Merida die Kontrolle übernahmen. Bei hohem Tempo zerriss ein weiterer Sturz, bei dem neben Dumoulin unter anderem auch gleich drei Katusha-Profis sowie zahlreiche weitere Fahrer zu Boden gingen, das Feld.
Bora - hansgrohe mit dem richtigen Riecher
Kurz zuvor hatte Michael Schwarzmann und Rüdiger Selig ihren Kapitän Ackermann nach vorne gebracht. Das erwies sich als Glücksfall, denn blieb der Pfälzer wie auch Roglic, Carapaz, Ewan, Ulissi, aber auch Elia Viviani (Deceuninck - Quick-Step) unbeschadet. Die zunächst noch rund 20-köpfige Gruppe jagte mit hohem Tempo dem zwei Kilometer und 4,4 Prozent steilen Schlussanstieg entgegen, wo dann aber Fahrer um Fahrer, darunter auch der der Italienische Meister und Ackermanns beiden Helfer zurückfielen.
Grund dafür waren Jan Polanc und Valerio Conti, die für ihren Kapitän Ulissi von der Spitze weg Tempo bolzten. Doch als Carapaz auf den letzten 400 Metern aus der nur noch achtköpfigen Gruppe davonzog, verpasste Ulissi die Attacke des Südamerikaners. Auf den letzten Metern wurde es allerdings doch noch eng, da Ewan mit hohem Tempo heranjagte, aber Carapaz doch nicht mehr stellen konnte. Ulissi blieb nur Rang drei, zwei Sekunden dahinter sicherte sich Ackermann nach einem erneut sehr starken Auftritt den vierten Platz.
Mit weiteren Sekunden Rückstand kam die erste Verfolgergruppe mit dem weiteren Favoriten ins Ziel. 4:04 Minuten, nachdem Carapaz jubelnd die Ziellinie überquert hatte, kam Dumoulin in Begleitung seines Teams an. Während Roglic einen weiteren kleinen Schritt in Richtung Giro-Sieg machte, ist für den Vorjahreszweiten der Traum vom zweiten Rosa Trikot nach 2017 praktisch schon vorbei.
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