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17.09.2014 | (rsn) - Es wird sein letzter Aureisversuch. Der Ultimative!
Am Donnerstag will Jens Voigt auf der Rennbahn in schweizerischen Grenchen den neun Jahre alten Stundenweltrekord verbessern. Gelingt es dem Publikumsliebling, ist er wirklich allen davon gefahren - ein letztes Mal!
Im Jahr 2005 hatte sich der Tscheche Ondrej Sosenka in die Rekordliste eingetragen, 49,7 Kilometer legte der damals 29-Jährige innerhalb der 60 Minuten zurück und überbot die fünf Jahre alte Bestmarke des Briten Chris Boardman (im Herbst 2000 32 Jahre alt) um gut 250 Meter.Sosenkas Zeit hat bis heute Bestand.
Und nun will ein Beinahe-Sport-Rentner einen Tag nach seinem 43. Geburtstag auf den letzten Drücker schneller und damit weiter fahren als die bisherigen Rekordmänner? Kein Wunder, dass die Radsportwelt zunächst mit Skepsis reagierte und sogar von einem PR-Gag gesprochen wurde. Doch seit der Ankündigung des Rekordversuchs vor gut zwei Wochen ist diese Skepsis der Vorfreude auf das Spektakel gewichen, das Voigt den Zuschauern ohne Zweifel bieten wird. Und bei seinen Fans, denen er das Unterfangen als Abschiedsgeschenk präsentieren möchte, ist regelrechte Euphorie ausgebrochen.
In die kritischen Stimmen mischten sich schnell die Worte jener Beobachter, die das Treiben des Deutschen in den vergangenen Wochen genauer beobachtet hatten. Die Hamburger Cyclassics hätten sich hervorragend als Bühne für das angeboten, wofür Voigt schließlich berühmt geworden ist – für einen letzten heroischen Ausreißversuch.
Doch der Routinier verzichtete und wählte Ende August als sein letztes Straßenrennen die US Pro Challenge in Colorado – ein Rennen, das wie ein Höhentrainingslager wirkt. Die Ideale Vorbereitung, also. Zudem hatte Fabian Cancellara, Voigts Kollege im Trek-Factory-Team, einen Stundenweltrekordversuch für diesen Herbst geplant – die technischen Vorbereitungen sind innerhalb der Mannschaft seit langer Zeit in vollem Gange. Cancellara zog aber zurück, weil er sich in diesem Jahr endlich den Traum vom ersten Weltmeister-Titel im Straßenrennen sichern möchte.
Und dann hat noch etwas Voigts Aussichten verbessert: die Rolle rückwärts des Radsport-Weltverbands. Die UCI hatte unlängst die extremen technischen Restriktionen für den Stundenweltrekord revidiert, die seit dem Jahr 2000 galten. Seinerzeit wurden sämtliche Bestmarken der Jahre 1984 bis 1996 annulliert, weil diese mit Spezialkonstruktionen gesetzt worden waren: Scheibenräder, unterschiedlich große Laufräder, aerodynamisch ausgefeilte Rahmen, Zeitfahrlenker und windschlüpfrige Helme verhalfen den Rekordjägern zu immer längeren Strecken – den Schlusspunkt dieser Hatz setzte Chris Boardman am 7. September 1996 mit einer gefahrenen Distanz von 56,375 Kilometern.
2000 fiel die offizielle Rekordmarke also wieder auf die 49,431 Kilometer, die Eddy Merckx 1972 in Mexiko-Stadt zurückgelegt hatte. Die Distanzen der Jahre dazwischen wurden als Weltbestleistungen in die Archive aufgenommen. Boardman holte sich den Rekord im Herbst 2000 zurück – es war der letzte Auftritt seiner Karriere. Doch wegen der ausfransenden Rekordliste und aufgrund der Tatsache, dass das Material einst das Salz in der Suppe der Rekordjagden gewesen war, verlor der Stundenweltrekord an Attraktivität. Und damit an Bedeutung.
Top-Zeitfahrer wie Jan Ullrich, Lance Armstrong und Santiago Botero hätten wohl einen Angriff auf den Weltrekord gestartet, wenn sie darin ein Projekt gesehen hätten, das ihren ohnehin schon langen Siegerlisten einen nennenswerten Zusatz verliehen hätte. Doch erst 2005 probierte es mit Ondrej Sosenka ein Fahrer, der zwar als Zeitfahrspezialist galt, aber doch eher der zweiten Reihe zuzuordnen war.
Es ist schließlich auch nicht so, dass sich ein Straßenprofi mir nichts, dir nichts auf ein Bahnrad setzen kann und innerhalb einer Stunde fast 50 Kilometer bewältigt. Das Fahren auf dem Parkett eines Velodroms verlangt andere Fähigkeiten, auch die Sitzposition ist weitgehend ungewohnt. Boardman etwa musste nach seiner 2000er-Rekordfahrt vom Rad gehoben werden, weil sich seine Beinmuskulatur vollkommen verkrampft hatte. Hinzu kommt das ungewohnte Steuerverhalten eines Bahnrads.
Die UCI hatte daher beschlossen, bestimmte Materialmodifikationen zuzulassen. Voigt kann – anders als Merckx, Boardman und Sosenka – mit Scheibenrädern, Zeitfahrhelm und Zeitfahrlenker um die Radrennbahn in Grenchen (Schweiz) kurven. Auch der Rahmen unterscheidet sich zwar deutlich von den Modellen, die zwischen 1984 und 1996 benutzt wurden, aber auch von jenen der puristischen Rekordfahrten bis 1972 sowie von 2000 bis 2005.
Vor allem wegen des windschlüpfigeren Materials trauen Experten Voigt zu, den Sosenka-Rekord zu knacken. Zwar gehörte der Mann aus Grevesmühlen nie zur absoluten Zeitfahrelite, doch er hat gleich mehrere Siege im Kampf gegen die Uhr im Palmares stehen. Und er gilt als tempofester Rennfahrer, der sich besonders dann bis zum absoluten Limit verausgaben kann, wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind. Geschehen bei seinen zahlreichen Ausreißversuchen bei der Tour de France und in etlichen weiteren hochkarätigen Profirennen.
Die Kameras werden den Angreifer Voigt voll im Fokus haben, wenn er um 18.30 Uhr im Velodrom in Grenchen auf seine schmerzhafte Abschiedsreise geschickt wird. In Dutzende Länder rund um den Globus wird das Ereignis live übertragen. Der Spartensender Eurosport zeigt Voigt zu Ehren am Donnerstag von 8.45 bis 20.30 Uhr ausschließlich Radsport – Vorberichte, Dokumentationen und Expertenbeiträge. Radsport-news.com verfolgt die Fahrt im LIVE Ticker. Auch dies belegt, wie sehr Voigt mit seinem letzten großen Angriff den Zauber des Stundenweltrekords reaktiviert hat.
Wenn es ihm gelingt, die Bestmarke zu überbieten, ist es gut möglich, dass die Distanz, die er erreicht, nicht lange Bestand haben wird. Dem vierfachen Zeitfahrweltmeister Fabian Cancellara dürfte es bei akribischer Vorbereitung gelingen, deutlich weiter zu fahren. Doch selbst dann behielte „Voigte“, wie sie den Deutschen im Fahrerfeld nennen, einen Rekord: den des ältesten Stundenweltrekordlers in der Radsport-Historie. Und er wäre der erste Rekordhalter aus Deutschland!
Zur Person:
Jens Voigts Siegerliste als Straßenradprofi ist lang und beinhaltet als Glanzlichter zwei Etappenerfolge bei der Tour de France, einen Etappensieg beim Giro d’Italia, fünf Gesamtsiege beim Etappenrennen Critérium International und zwei Gesamtsiege bei der Deutschland-Tour. Außerdem trug der Mecklenburger zweimal das Gelbe Trikot der Tour de France, wo er zudem mit seinen Ausreißversuchen die Sympathien des internationalen Radsportpublikums gewann.
Weitere Achtungserfolge waren ein zweiter Platz beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich sowie Etappensiege bei Paris-Nizza und der Katalonien-Rundfahrt. Diese Resultate sind umso beachtlicher, da „Voigte“ zumeist als Helfer unterschiedlicher Kapitäne eingesetzt wurde – so etwa von Ivan Basso sowie von Fränk und Andy Schleck. Sein bestes Gesamt-Resultat bei der Tour de France war Platz 28 in Jahr 2006.
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