RSNplusRSN-Rangliste, Platz 15: Jonas Rutsch

Schlauer Roubaix-Plan und am Saisonende Radsport-Detox

Von Tom Mustroph

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Jonas Rutsch (Intermarché - Wanty) | Foto: Cor Vos

15.12.2025  |  (rsn) - Jonas Rutsch (Intermarché – Wanty) hat eine recht gute Saison hingelegt, das meinte der Profi aus dem hessischen Erbach selbst. “Ich habe stark angefangen im Frühjahr, war da wirklich auf einem guten Niveau. Hinten raus ist das dann etwas dünner geworden. Aber mein Fazit ist ein durchaus positives über die gesamte Saison gesehen. Ich denke, auch im Austausch mit dem Team, dass ich die Erwartungen, die an mich gestellt wurden, erfüllt und vielleicht sogar ein Stück weit übertroffen habe“, sagte er zu RSN

Deshalb war Rutsch auch verhältnismäßig entspannt, was seine Zukunft anging, also die Fusion seines Rennstalls Intermarché mit dem belgischen Lotto-Team. “Ich bin einer von den Fahrern, denen schon relativ früh gesagt wurde, dass das unproblematisch ist“, meinte Rutsch, der wie Georg Zimmermann auch zum neu zusammenstellten Kader von Lotto - Intermarché gehören wird. ___STEADY_PAYWALL___

Dabei war die Situation bis Mitte November auch für ihn relativ undurchsichtig. Stärker nagte jedoch die Ungewissheit im Sommer an ihm, wie Rutsch zugab. “Natürlich ist es stressig, weil ja schon seit der Zeit der Tour über diese Fusion, und ob sie zustande kommt, geredet wurde. Und da habe ich mir die ersten Wochen auch echt schwer getan. Aber dann habe ich versucht, mich auf das zu konzentrieren, was ich beeinflussen kann und die Sachen auszublenden, die nicht in meiner Hand liegen.“

Nach einer herausragenden Vorstellung wurde Jonas Rutsch (Intermarché – Wanty) im Frühjahr Sechster bei Paris-Roubaix. | Foto: Cor Vos

Das führte in der Offseason dann sogar zu totaler Handy-Abstinenz, um Abstand vom Radsport und den Meldungen und Gerüchten zu bekommen. “Ich bin zwar großer Fan von Radsport-News und lese in der Saison so ziemlich alles. Aber das wäre jetzt falsch gewesen. Und ich habe meine Zeit da meine Zeit mit meiner Familie verbracht, die ich das ganze Jahr über selten sehe, und einfach mit den Leuten, mit denen man sich gerne umgibt, gute Gespräche geführt, auch andere Gespräche, wo der Schwerpunkt nicht unbedingt Radfahren ist“, erklärte er. Radsport-Detox also. Und der ist Rutsch auch geglückt.

Highlight Pflastersteine

Wenn er jetzt auf seine abgelaufene Saison zurückblickt, dann sticht natürlich der sechste Platz bei Paris – Roubaix hinaus. “Das war definitiv das Highlight“, bestätigte Rutsch. Er hatte bei der ‘Königin der Klassiker‘ einen schlauen Plan verfolgt, und hatte auch die Kräfte, ihn umzusetzen: Gleich früh in die Fluchtgruppe, um auch am Ende noch dabei zu sein und unterwegs den Attacken der Top-Stars nicht direkt ausgesetzt gewesen zu sein.

Ist das der Masterplan auch für das nächste Paris – Roubaix? “Das kann ich nicht sagen. Vielleicht gehe ich dann mit einer anderen Strategie ins Rennen rein. Dieses Jahr hatte ich mir das so zurechtgelegt. Und das war ja jetzt nicht so schlecht. Für mich war vor allem wichtig, dass ein Stück weit gezeigt habe, dass ich da auch wirklich mit den Besten mitfahren kann“, erzählte er.

Roubaix jedenfalls ist auch im nächsten Jahr das ganz große Ziel. Sich nur auf ein Rennen konzentrieren will der bald 28-Jährige sich aber nicht. “Es kann immer etwas passieren. Auch ich habe das ja schon erfahren müssen, dass man auf der Nase liegt oder aus dem Rennen rausfliegt mit Sachen, die man nicht unbedingt beeinflussen kann, sei es jetzt ein Defekt oder ein Sturz“, sagte Rutsch.

Bei der Tour de France wurde Rutsch von einem Magen-Darm-Infekt heimgesucht, kämpfte sich aber bis nach Paris durch. | Foto: Cor Vos

Von Dingen, die er nicht selbst beeinflussen kann, hatte Rutsch in dieser Saison auch reichlich. Bei der Tour de France etwa beeinträchtigten ein Sturz auf der 8. Etappe und später eine Magen-Darm-Erkrankung seine Performance. Und die Durchfallgeschichten bei der WM sind inzwischen umfassend dokumentiert. “Nach dem Sturz bei der Tour ging es echt bergab. Ich bin zwar bis Paris gekommen, aber ich würde auch lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte ich zwischendrin nicht mindestens zwei, drei Mal daran gedacht, einfach aufzuhören“, blickte er zurück.

Vor allem machten ihm Probleme im Rücken zu schaffen. “Mir ist ja noch ein anderer Fahrer in den Rücken reingefahren und ich hatte da quasi einen Schnitt und unter diesem Schnitt ein Hämatom. Da konnte man auch nichts machen. Das Hämatom war einfach da, ich habe es jeden Tag beim Schlafen wie beim Radfahren gespürt. Gegen den zweiten Ruhetag hin dachte ich, es wird jetzt besser und ich kann zumindest die letzte Woche voll wahrnehmen, wenn die anderen vielleicht ein bisschen ausgepowert sind. Aber dann bekam ich Magen-Darm und dann war das auch zu vergessen.“

“Der schlimmste Tag auf dem Rad“

Der absolute Tiefpunkt war dann die 14. Etappe von Pau nach Super-Bagneres. “Da musste ich zweimal ausscheren, weil ich wirklich extremen Durchfall hatte. Danach war es der schlimmste Tag auf dem Rad in meinem ganzen Leben. Ich habe nicht geglaubt, dass ich da ins Ziel komme, habe es aber irgendwie geschafft und auch die letzte Woche noch irgendwie überlebt“, schilderte er diese Willensprüfung. Auch mental setzte ihm zu, nicht performen zu können. “Es ist einfach sehr ärgerlich, wenn du vorher hart trainiert hast und viel aufgeopfert, und dann passiert so etwas“, meinte er.

Auch bei der Straßen-WM in Ruanda plagten den Deutschen – wie so viele andere Starter – Magen-Darm-Probleme. | Foto: Cor Vos

Diese unangenehme Serie setzte sich dann auch bei der WM in Ruanda fort. Durchfall zwang ihn wie auch die meisten Teamkollegen zur vorzeitigen Aufgabe. Damit war es aber noch nicht ausgestanden. “Noch zwei Wochen danach saß ich auf dem Klo. Ein richtig hohes Niveau konnte ich danach gar nicht mehr erreichen. Ich war noch bei Paris – Tours in der Spitzengruppe und habe mein Möglichstes versucht, aber ich war einfach kraftlos. Das hat schon sehr an mir gezehrt.“

Was genau die Ursache war für die Magen-Darm-Probleme in Ruanda, weiß Rutsch bis heute nicht. Er weiß nur, dass er vier Kilogramm Gewicht verloren hat. Nie mehr Rennen in Afrika zu fahren, ist allerdings nicht seine Schlussfolgerung. “Vielleicht hat mein Körper sich ja jetzt an die Keime gewöhnt und nächstes Mal läuft es besser“, meint er optimistisch. Auf alle Fälle hat er weiter gelernt, wie unvorhersehbar sein Beruf ist, welche Einflüsse die Leistung und damit auch die Ergebnisse mitbestimmen, ganz unabhängig von dem, wie man selbst gearbeitet hat.

Mehr Freiheiten bei den Klassikern?

Jetzt konzentriert sich Rutsch darauf, eine gute Basis für 2026 zu legen. “Ich will eine gute Klassikersaison fahren, eine noch eine bessere als zuletzt. Vielleicht kriege ich nächstes Jahr hier und da noch ein bisschen mehr Freiheiten“, spielet er darauf an, dass Superstar Biniam Girmay künftig für das NSN-Team fahren wird. “Ich war in vielen Finals dieses Jahr auch bei den Monumenten dabei, bin aber dann auch oft für Bini gefahren. Vielleicht kommt mir aufgrund meiner Leistung dieses Jahr auch eine größere Verantwortung im nächsten Jahr zugute, was dann dazu führt, dass ich mehr auf Ergebnis fahren kann. Jetzt trainiere ich dafür, dass ich eine gute Klassikersaison abrufen kann und dann mal sehen, was das Team dazu sagt.“

Nach dem Weggang von Biniam Girmay darf Rutsch auf mehr Freiheiten bei den Frühjahrsklassikern hoffen. | Foto: Cor Vos

Ein Auge auf die Grand Tours legt Rutsch weiterhin, wenn auch gar nicht so sehr auf die Tour de France. “Die ist jetzt gar nicht so ein primäres Ziel nächstes Jahr für mich. Ich bin die Tour schon dreimal gefahren, aber noch nie eine andere Grand Tour. Vielleicht ist es mal an der Zeit für Giro oder Vuelta. Die sind sicherlich auch schön und gerade nach meinem Leidensweg dieses Jahr in der Tour wäre ich auch offen für ein anderes dreiwöchiges Radrennen“, meinte er.

Zweites Gleis Polizeidienst

Da ist also einiges noch ungewiss. Eine Sicherheit immerhin hat Rutsch. Das Studium zum Polizeikommissar hat er abgeschlossen, parallel zum Trainings- und Wettkampfbetrieb als Radprofi. Chapeau dafür, denn einfach war das sicher nicht. “Aber wer was will, der muss was dafür tun“, sagte Rutsch trocken und berichtet von Nachtschichten beim Lernen und danach sechs Stunden Training auf dem Rad, während andere Kollegen hübsch Urlaub machten.

“Aber wer ein Stück weit berufliche Sicherheit nach dem Sport haben oder einen Beruf ausüben will, der ihm auch Spaß macht und nicht notgedrungen die einzige Alternative nehmen muss, der muss halt im Vorfeld investieren“, erklärte er und fügte an: “Ich bin ich auch zu einem gewissen Maß stolz drauf, dass ich das so durchziehen konnte.“

Und weil man ausgehen darf, dass er mit derselben Konsequenz auch an Härteprüfungen wie Paris – Roubaix herangehen wird, darf man auf ein leuchtendes Frühjahr für ihn hoffen. Größtes Karriereziel ist und bleibt ein Podiumsplatz in Roubaix.

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