RSNplusRSN-Rangliste, 14. Platz: Steffi Häberlin

Im ersten Jahr voll eingeschlagen: “Macht Hunger auf mehr“

Von Jens Claussen

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Häberlin ist in der kommenden Saison im Schweizer Meistertrikot unterwegs | Foto: Cor Vos

18.12.2025  |  (rsn) – Erfolgreiche Mountainbikerinnen, die auf die Straße in die WorldTour wechseln, sind inzwischen im internationalen Frauenradsport keine Seltenheit mehr. Erstaunlicher hingegen, wenn diese “Rookies” - mal abgesehen von Pauline Ferrand-Prévot, die auf Anhieb Paris-Roubaix (1.WWT) und die Tour de France Femmes (2.WWT) gewann - sich nahtlos in die Strukturen und Gesetze des Straßenradsports einfügen - und auf der Stelle performen. So geschehen bei Steffi Häberlin, neben der Österreicherin Laura Stigger eine von zwei Cross-Country Pros, die das Team von SD Worx - Protime für die Saison verpflichtet hatte.

Natürlich, Häberlin hatte in den vergangenen Jahren schon bei sporadischen Einsätzen für die Nationalmannschaft auf der Straße gezeigt, was in ihr steckt; primär machte die Schweizerin aber durch gute Resultate auf dem Mountainbike von sich reden. So beispielsweise mit diversen Top-Ten Ergebnissen bei Weltmeisterschaften oder als Spezialistin im Short-Track bei Weltcups. ___STEADY_PAYWALL___

“Als mein Vertrag beim Team BMC dann 2024 auslief, beschloss ich, es einmal auf der Straße versuchen zu wollen. Erstaunlich schnell befand ich mich in einer ziemlich luxuriösen Situation, da ich gleich von mehreren Teams Angebote erhielt”, stellte sie auch noch im Nachhinein zu ihrer eigenen Überraschung im Gespräch mit RSN fest. “Ich habe mich dann für SD Worx entschieden, da ich dort das Gefühl hatte, mich am besten entwickeln zu können; und bin mit meiner Entscheidung immer noch sehr happy. Mein erstes Jahr in diesem Team macht Hunger auf mehr.“

Bei den ersten Rennen sofort abgeliefert

Bei ihrem ersten Start für SD Worx - Protime bewies die 27-Jährige dann bei der Setmana Valenciana (2.Pro) auf Anhieb, wie wertvoll sie bei Etappenrennen für das niederländische Team sein kann. Als wertvollste Helferin unterstützte sie Teamkollegin Anna van der Breggen auf deren Weg zu Platz drei in der Gesamtwertung; und beendete selbst die Rundfahrt auf Rang 25. In den Wochen danach schlug sie sich mit Rang 23 beim Flèche Wallonne (1.WWT) und Platz 26 bei Lüttich-Bastogne-Lüttich (1.WWT) mehr als achtbar bei ihrer Premiere in den Frühjahrsklassikern - ehe es kurz darauf zur ersten Top-Ten Platzierung beim Festival Elsy Jacobs à Garnich (1.1 / 8.Platz) langte. Diese schien Lust auf mehr zu machen. Bei ihrer ersten WorldTour Rundfahrt, der Itzulia Women (2.WWT), knüpfte Häberlin mit Rang sieben bei der Auftaktetappe an die gute Leistung in Luxemburg an und belegte Platz 25 in der Gesamtwertung.

Kurze, steile Anstiege liegen der Cross-Country Spezialistin besonders | Foto:

Erstmals Schweizer Meisterin auf der Straße

Über die Burgos-Rundfahrt (2.WWT), bei der sie auf der letzten Etappe aufgrund eines Sturzes vom Vortag nicht mehr antreten konnte, ging es zurück in ihre Heimat zur Tour de Suisse (2.WWT). Dort war sie schon in den Jahren 2022 und 2024 im Schweizer Nationaltrikot gestartet. Ganz zufrieden war Häberlin mit Platz 28 in der Endabrechnung aber nicht, wie sie im Rückblick meinte. “Die Chancen auf einen guten Platz im GC habe ich bei der Tour de Suisse schon am ersten Tag verspielt, da es mir an dem Tag bei den Bergaufpassagen nicht gut ging", erinnerte sie sich. “Die Tage danach liefen dann zwar besser und die Schlussetappe sogar richtig gut. Aber in Summe hatte ich mir doch mehr erwartet.”

Als 14 Tage darauf die Landesmeisterschaften rund um Fischingen ausgetragen wurden, sah sich die 27-Jährige im Straßenrennen nicht ohne Chancen - zumal Top-Favoritin Marlen Reusser (Movistar) nicht antrat. Da der Rundkurs mit zwei kürzeren Anstiegen ihren Fähigkeiten durchaus in die Karten spielte, entwickelte sie mit ihrem Freund Julian Schelb (KMC Ridley) im Vorfeld eine Renntaktik - die letztendlich nur bedingt aufgehen sollte. “Als ich mit Elise (Chabbey) am letzten Anstieg nur noch zu zweit war, hatte ich den Plan, aus ihrem Windschatten heraus zu attackieren. So hatten Julian und ich es für ein solches Szenario besprochen. Leider hatte sie genau den gleichen Plan“, lachte Häberlin, sodass sie sich im Finale auf ihren Sprint verlassen musste. Das gelang und so feierte Häberlin ihren ersten Sieg auf der Straße.

Hoffnungen auf die Tour durch erste Giro-Teilnahme kompensiert

Als weiteres Highlight sollte ursprünglich die Tour de France Femmes (2.WWT) im Rennkalender der angehenden Ärztin folgen. Doch statt nach Frankreich brach sie in Richtung Bergamo zum Start des 36. Giro d'Italia (2.WWT) auf. Auch wenn sie ihre Enttäuschung über die Nichtnominierung zur Tour mit etwas Abstand herunterzuspielen versuchte, schwang noch etwas Wehmut mit, als sie erzählte: “Ich war im erweiterten Tour-Kader, aber Ende April teilte man mir schon mit, dass es knapp werden könnte.“

Trotz der Nichtnominierung zur Tour ließ Häberlin (Bildmitte) sich nicht die Laune verderben | Foto: Cor Vos

Die mangelnde Erfahrung für so eine lange und wichtige Rundfahrt sei dann der ausschlaggebende Punkt gewesen, sie statt zur Tour zum Giro zu schicken. “Der Giro war aber dann natürlich auch eine coole Erfahrung“, sagte sie. Eigene Akzente konnte Häberlin bei ihrer ersten Teilnahme an der Italien-Rundfahrt aber nicht setzen und beendete diese auf Rang 40 im Gesamtklassement.

Erstes Top Ten Ergebnis bei einer WorldTour Rundfahrt - aber keine WM

Auf heimischem Boden schien die im Kanton Thurgau geborene Münsterlingerin immer besonders motiviert. Nach dem Gewinn des Schweizer Meistertrikots verbuchte sie Mitte August als Gesamtfünfte der Tour de Romandie (2.WWT) ihr erstes Top-Ten-Ergebnis im Rahmen einer WorldTour Rundfahrt und beendete keine der drei Etappen schlechter als auf dem sechsten Tagesrang.

In den Bergen fühlt sich die Schweizerin am wohlsten | Foto: Cor Vos

Ein paar Tage später sollte die Eintages-Classic Lorient Agglomeration (1.WWT) eines der letzten Vorbereitungsrennen für die WM in Ruanda sein. Durch ihre konstant starken Leistungen während der gesamten Saison, hatte Häberlin den Nationalcoach Edi Telser überzeugt, die bergfeste Fahrerin für die Welttitelkämpfe zu selektionieren. Doch es kam anders. Häberlin stürzte in Frankreich auf den Ellenbogen und was sich zunächst als harmlose Schürfverletzung darstellte, entwickelte sich nach weiterer Diagnostik zu einem ernsthaften Problem. “Die Wunde am Ellenbogen war so tief, dass sie in Frankreich nicht vernünftig behandelt werden konnte. In der Schweiz wurde dann festgestellt, dass der komplette Schleimbeutel fehlte und unterm Strich dauerte die Wundheilung dann zu lange, um in Ruanda in einer guten Form am Start stehen zu können“, fasste sie die zweite Enttäuschung innerhalb weniger Wochen zusammen.

”Der WM Kurs in Montreal könnte mir liegen”

Für Häberlin, die erst im Coronajahr 2020 durch ihren Freund zum Radsport fand - “davor fand ich Radfahren ziemlich langweilig” - scheint nach ihrem fulminanten Start in den Straßen-Profiradsport offensichtlich nun vieles möglich. “Für die kommende Saison habe ich klare Ziele”, formulierte sie selbstbewusst. “Ich möchte mich an den langen Anstiegen derart verbessern, dass mein Team gar mehr nicht an der Frage vorbeikommen kann, auch mal im GC für Steffi zu fahren. Zudem könnte mir der WM-Kurs ganz gut liegen. Ich war schon mal zu einem Mountainbikerennen in Montreal und habe mir Teile der Strecke angeschaut. Das Profil und auch die Länge von knapp 170 Kilometern kommen mir entgegen.” Diese Aussage lässt vermuten, dass sie für die verpasste WM im kommenden Jahr Revanche nehmen möchte.

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