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14.09.2020 | (rsn) - Zwei große Ziele verfolgt das Team Bora - hansgrohe in der Schlusswoche der Tour de France noch, und beide sind gleichberechtigt: "Der Etappensieg ist uns genauso wichtig, wie Grün", erklärte Sportdirektor Enrico Poitschke am zweiten Ruhetag in Grenoble, wo das Team die nächsten drei Tage untergebracht ist.
"Wir werden jeden Tag darum kämpfen und es gibt sicherlich noch zwei Etappen, die uns liegen. Im Zeitfahren ist es eher unrealistisch und auf den zwei Flachetappen wird es auch schwer", so Poitschke weiter. Und auf die konkrete Nachfrage, ob er sich besonders die Etappen 16 und 18 rot angestrichen habe, reagierte er mit einem Lächeln. "Ja, ich denke da liegt uns der Etappenverlauf."
Die großen Hoffnungsträger auf den ersehnten Tagessieg sind daher Lennard Kämna und Maximilian Schachmann, aber eventuell auch Felix Großschartner - die drei Kletterer, die am fittesten sind. Wobei Kämna in Grenoble am optimistischsten wirkte. "Wenn ich es schaffe, nochmal in die Gruppe zu kommen, würde ich gern wieder Poker spielen", erklärte er mit Blick auf die taktischen Spielereien im Zentralmassiv, als er den Etappensieg am Puy Mary nur ganz knapp verpasste.
Kämna die schärfste Waffe für die Etappenjagd?
Auch Kämna schielt vor allem auf die Etappen am Dienstag nach Villard-de-Lans und Donnerstag nach La Roche-sur-Foron. "Etappe 17 mit dem Schlussanstieg wird wahrscheinlich schwer. Da braucht man sehr viel Vorsprung, um erfolgreich sein zu können", meinte er mit Blick auf den Col de la Loze oberhalb von Meribel.
Etwas bedeckter hielt sich Schachmann. Er spüre die Müdigkeit von den zweit Tagen hintereinander an der Spitze im Zentralmassiv, erklärte er: "Ich denke, der Dienstag gibt mir Aufschluss darüber, wie meine Perspektive für die Woche aussehen kann." Dürfte er sich schonen, könnte Schachmann sogar ein Kandidat für das Einzelzeitfahren zur Planche des Belles Filles am Samstag sein, doch die Power eines starken Fahrers zu verschenken hat Bora - Hansgrohe in dieser harten dritten Tour-Woche sicher nicht.
Emanuel Buchmann hingegen ist noch längst nicht erholt und wird wohl auch an den kommenden Tagen in die Helferrolle schlüpfen, um das andere große Ziel zu verfolgen: das Grüne Trikot für Peter Sagan.
Sagans Chancen? "Ihr alle rechnet viel mehr als ich"
Mit 45 Punkten Rückstand auf seinen Ex-Teamkollegen Sam Bennett (Deceuninck - Quick-Step) startet der Slowake am Dienstag in La Tour-du-Pin in die Schlusswoche - 43 davon hat er durch seine Rückversetzung nach dem Sprint in Poitiers am Mittwoch verloren. Und angesichts der Tatsache, dass der Ire Bennett bislang im direkten Duell stets schneller war, stehen die Chancen schlecht, dass Sagan sich sein achtes Grünes Trikot sichert, in dem er ihn am Schlusstag in Paris bezwingt. Er muss vorher schon Grün zurückerobern, und das wird zu einer Mammutaufgabe für das gesamte Team.
Auf den Etappen 16, 17 und 18 kommen die Zwischensprints vor den großen Bergen, Etappe 19 könnte Sagans große Chance sein, nochmal auf Etappensieg zu fahren - aus einem dezimierten Feld heraus, und mit dem Zwischensprint in der zweiten Rennhälfte als Garnitur.
"Es ist noch alles möglich, aber ich werde die Hilfe meines gesamten Teams brauchen", sagte Sagan, der schon am ersten Ruhetag betont hatte, dass ihm der Rekord, zum achten Mal Grün zu gewinnen, nicht wichtig sei - was dem Slowaken aber niemand wirklich glauben mag. "Ihr alle rechnet viel mehr als ich", lachte er mit Blick auf die Kalkulationen rund um den Kampf um Grün was Zwischensprints und das Punktesammeln betrifft, gestand aber auch ein: "Sicher: Jeder Punkt ist wichtig und wir müssen unser Maximum für jeden Punkt geben." Kräfte zu sparen brauche man nun nicht mehr, erklärte Sagan außerdem: "Wir haben noch sechs Tage vor uns, dann ist die Tour vorbei."
Vollgas, um Bennett abzuhängen oder aus der Karenz zu befördern?
Den Mathematik-Aufgaben stellte sich am Montag dagegen die Sportliche Leitung um Poitschke. "Wir haben schon ziemlich viel durchgespielt, schauen aber von Tag zu Tag. Es spielt ja auch das Gefühl der Rennfahrer und viele andere Dinge eine Rolle", erklärte er. "Natürlich sollten wir an den Zwischensprints so viele Punkte wie möglich bekommen und Sam so wenige wie möglich. Aber es gibt auch noch eine 19. und 21. Etappe, die mit sehr vielen Punkten im Ziel bedacht werden. Wir schauen nicht nur auf Zwischensprints."
Trotzdem scheint es nicht unwahrscheinlich, dass Bora - hansgrohe an den kommenden drei Tagen in der Anfangsphase der Etappe Vollgas fahren und versuchen wird, Bennett in den ersten Hügeln in Bedrängnis zu bringen. "Theoretisch müssten wir ihn vor den Sprints abhängen, ja. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Wir sind hier in der dritten Woche", so Poitschke. Eine Variante könnte wohl auch sein, auf ein Karenzzeit-Aus von Bennett in den Alpen zu hoffen.
"Wir werden alles versuchen, um Grün in Paris noch zu tragen", versicherte der Sportdirektor. "Vor den Zwischensprints gibt es nicht viele Berge und keine schweren. Sam da abzuhängen wird eher schwierig. Wir wollen noch nicht zu viel verraten, aber wir haben einen Plan. Wie der sich dann umsetzen lässt, werden wir sehen."
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