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20.12.2004 | Bei faz.net fanden wir einen Artikel, den wir den Lesern von Radsport aktiv nicht vorenthalten wollen. Udo Bölts macht sich Gedanken über die Fitness seines Ex-Kollegen Jan Ullrich.
Von Hartmut Scherzer
07. Dezember 2004 Katmandu statt Kapstadt, St. Moritz statt Mallorca, Teneriffa statt Toscana: Jan Ullrich, der Dauererkältete, sollte einmal die Winterquartiere wechseln. "Raus aus dem alten Trott. Dem Körper neue Reize bieten. Frei im Kopf werden." Derlei Ideen entwickelt einer, der einmal der aufopferungsvollste Weggefährte des ehemaligen Tour-Siegers war, sich immer noch "viele Gedanken" über Deutschlands populärsten Radprofi macht und die Kompetenz - wenn auch nicht die Befugnis - für derlei Vorschläge besitzt: Udo Bölts, Jan Ullrichs langjähriger Teamkollege.Der 38 Jahre alte Pfälzer, als Sportlicher Leiter jetzt in Diensten des Teams Gerolsteiner, hatte im Telekom-Trikot mit dem berühmten Satz "Quäl dich, du Sau" Jan Ullrich 1997 den Berg hinauf- und zum Tour-Triumph getrieben. Fünfmal begleitete Bölts auf seinen zwölf Tour-Fahrten den Star als Edeldomestike durch Frankreich bis Paris. "Ich bin zwar jetzt weit weg von ihm, würde mich aber freuen, wenn der Ulle wieder ganz oben steht", sagt Bölts, dem Wohl und Wehe seines ehemaligen Kapitäns immer noch nahegehen. Und der Pfälzer kennt Ullrich in- und auswendig.
Wann immer Radprofis und Begleiter der Radszene zusammentreffen, wie neulich beim Mannschaftsmeeting von Gerolsteiner, wird Jan Ullrich früher oder später zum Diskussionsthema. Und Bölts hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. "Südafrika, Mallorca, immer das Gleiche", kritisiert er Ullrichs allwinterliches Trainingsprogramm, Schnupfen quasi programmiert. Aus dem im Dezember heißen Kap auf die im Januar feuchtkalte Mittelmeerinsel - gerade für einen infektanfälligen Rennfahrer wie Ullrich muß so ein krasser Klimawechsel einfach schädlich sein.
Nun hat es den Wahlschweizer zu Hause in Scherzingen schon vor dem Aufbruch zum privaten Trainingslager in Südafrika mit den Kumpels Andreas Klöden, Matthias Kessler, Andre Korff, Eric Baumann, Olaf Pollack und Danilo Hondo erwischt, ausgerechnet an seinem 31. Geburtstag, angesteckt diesmal nicht - wie vor dem letzten Tour-Start - von seiner Tochter Sarah Maria, sondern von seiner Lebensgefährtin Gaby Weiss. Wegen der Erkältung verschob Ullrich den Flug nach Kapstadt. Bölts hätte da ohnehin eine andere Idee. "Fliegen wir nach Katmandu", würde er den ewigen Patienten auffordern.
Hintergrund der abenteuerlichen Gedanken ist der Ausbruch aus dem Alltag, die Abwechslung für Kopf und Körper. "Mal etwas anderes machen, etwas anderes sehen und dennoch im Hinblick auf die neue Saison für die Physis arbeiten", argumentiert Bölts. "Wer jahrelang Rad fährt, das weiß ich aus eigener Erfahrung, folgt immer demselben Rhythmus." Seine Empfehlung an Ullrich: Die Höhe als Highlights des Wintertrainings. Ohne Rad. Lance Armstrong mache es doch vor, sei immer in der Höhe, in St. Moritz oder auf Teneriffa, unterwegs. Ullrich sollte noch höher gehen: Himalaja. In der Abgeschiedenheit, so Bölts' Empfehlung, "abschalten, Abstand von der abgelaufenen Saison und vom alten Europa nehmen, dort, wo kein Handy funktioniert".
Der Radexperte weiß nur zu gut um die Gewichtsprobleme seines einstigen Kapitäns und sieht im Hochgebirge die wirkungsvollste Abhilfe. "Die Verbrennung von subkutanem Fett, also des Fetts unter der Haut, ist in der Höhe viel größer als in der Ebene. Das wird jeder Mediziner bestätigen." Einfacher ausgedrückt: "Es kommt nie ein dicker Bergsteiger vom Mount Everest herunter." Bewegung in extremer Höhe als Anforderung an den Körper sei bestes Training. Es ist nicht bekannt, ob Betreuer wie Peter Becker, Rudy Pevenage oder Mario Kummer jemals Ullrich mit derlei ausgefallenen Überlegungen konfrontiert haben. Und es ist höchst fraglich, ob der eher zur Bequemlichkeit neigende Radstar gegenüber derart außergewöhnlichen Vorschlägen überhaupt aufgeschlossen wäre.
Die Himalaja-Expedition schon im Herbst wäre im Bölts-Programm der erste Block des Höhentrainings: Zwei Wochen Mountain-Trekking auf einem Rundweg um den Achttausender Annapurna, wie es von Reiseveranstaltern angeboten wird. In mehrere Höhenblöcke würde der pfiffige Pfälzer die winterliche Saisonvorbereitung einteilen. Der Winter, so Bölts' Ansicht, sei für einen Radprofi dazu da, "dem Körper Ruhe vom Rennrad zu gönnen und anders zu belasten". Also würde Bölts in der zweiten Phase seinen alten Weggefährten für zwei Wochen zum Skilanglauf nach Österreich, St. Moritz oder gar in den Rocky Mountains schicken. Und der dritter Block? Höhentraining am Teide, an dem höchsten Berg Spaniens, auf Teneriffa. "Das mache ich mit Georg Totschnig bei Gerolsteiner."
Diese Art Winterbeschäftigung - davon ist der Tour-Neunte von 1994 fest überzeugt - wäre für Ullrich ein "wahnsinnig gutes Training für seine Gesamtathletik und für seine Ausdauer im Hinblick auf die neue Saison". Dem Pfälzer jedenfalls wäre an Ullrichs Stelle nichts zu hoch und nichts zu weit für den zweiten Tour-Sieg. Warum macht sich Bölts soviel Gedanken um Ullrich? "Es tut mir weh, wenn Ulle abgehängt wird."
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