RSNplusDeutsches Alpecin-Talent beendet Karriere

Kitzki zieht die Handbremse: Wenn die Angst mitfährt

Von Christoph Niederkofler

Foto zu dem Text "Kitzki zieht die Handbremse: Wenn die Angst mitfährt"
Louis Kitzki hat seine Karriere beendet. | Foto: Cor Vos

12.08.2025  |  (rsn) – Mit nur 21 Jahren hat Louis Kitzki seine Karriere beendet. Am Montag verkündete das deutsche Nachwuchstalent in den Sozialen Medien seinen Rücktritt – und ließ dabei tief blicken. "Ohne den Kopf funktioniert der Körper leider nur schlecht", erklärte der Schützling des Alpecin-Deceuninck Development Teams. In den vergangenen Wochen plagten Kitzki wachsende Zweifel und Sorgen im Sattel. Den endgültigen Anstoß zum Aufhören gab schließlich ein Todesfall im Peloton.

Es war nicht das Karriereende, das er sich vorgestellt hatte. "Nach der Teilnahme an meinem letzten Rennen und dem damit verbundenen Tod von Samuele Privitera habe ich beschlossen, meine Karriere als Profiradsportler zu beenden", leitete Kitzki sein Statement ein. Der tragische Tod von Privitera, der auf der 1. Etappe des Giro della Valle d'Aosta (2.2U) verunglückte, war jedoch nicht das erste Mal, dass der Deutsche die Schattenseite des Radsports erlebte.

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Auf der Königsetappe der Tour of Austria 2024 stürzte der Norweger André Drege auf der Abfahrt vom Großglockner schwer und erlag noch am Unfallort seinen Verletzungen. Kitzki war damals Teil des Pelotons und hatte nach dem Unfall "bereits ernsthafte Zweifel am Rennfahren und stand kurz davor aufzuhören", führte er aus. "Dennoch machte ich weiter und verdrängte das Geschehene größtenteils. Leider wurde ich nach der Tour of Austria nie wieder zu dem Rennfahrer, der ich einmal war. Ich machte mir zunehmend Sorgen um meine Sicherheit und fühlte mich in Rennen immer unwohler."

Den Spaß am Wettkampf habe er verloren "und je chaotischer ein Rennen wurde, desto brutaler brach ich mental ein. Ohne den Kopf funktioniert der Körper leider nur schlecht", hob er hervor. Der Tod von Privitera sei letzten Endes nur die Bestätigung seiner Entscheidung gewesen.

Kitzki ist nicht allein

Empfindungen, die angesichts der Offenheit seitens Kitzki bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Angst, sie ist im Peloton ein steter Begleiter. Doch was passiert, wenn sie der Unbeschwertheit auf dem Sattel im Wege steht, und die Bremse im Schlusssprint näher ist als das Risiko? Rennen werden dadurch "zum lästigen Nebeneffekt, den man in Kauf nehmen musste, wenn man mit Radsport Geld verdienen wollte", so Kitzki. Mit dieser Erfahrung ist er aber keineswegs allein.

In eine ähnliche Kerbe schlug nämlich auch die niederländische Weltmeisterin Ellen van Dijk, die Ende 2025 ihre Karriere beenden wird. "Es war eine sehr schwierige Entscheidung für mich, ich liebe das Leben als Profi-Radfahrerin wirklich sehr, ich sehe es als Privileg an", betonte sie vor etwa zwei Wochen. "Aber vor allem in den letzten zwei Jahren hatte ich viele schlimme Stürze, und das macht mich auf dem Rad im Peloton natürlich ängstlicher und lässt mich die wahre Liebe zum Straßenrennen verlieren."

Van Dijk und Bouhanni teilen ähnliches Schicksal

Jeder Sturz, jeder Unfall lässt die mentale Komponente gewichtiger, den Kampf mit sich selbst bedeutsamer werden. Van Dijk kam schließlich zu einem simplen Schluss. "Aufgrund der Gefahren dieses Sports kann ich das Straßenradfahren nicht mehr so genießen, wie ich es gerne würde. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr ins Peloton gehöre", unterstrich die 38-Jährige.

Ellen van Dijk wird im Winter ihre Karriere beenden. Auch, weil die Angst vor stürzen wächst. | Foto: Cor Vos

Klar: Während van Dijk den Frauen-Radsport über 20 Jahre prägte, stand Kitzki noch ganz am Anfang seiner Karriere. Doch die deutsche Nachwuchshoffnung erfuhr bereits einschneidende Ereignisse, die für mentale Blockaden sorgen können – egal wie viel man zuvor auf der Straße erlebt hat. Für belastende Gedanken ist im "gefährlichsten Sport der Welt", wie es Nacer Bouhanni im Juni gegenüber L’Équipe auf den Punkt brachte, jedoch in den entscheidenden Momenten kein Platz.

"Am Ende meiner Karriere habe ich zu viel nachgedacht", blickte der Sieger der Punktewertung des Giro d’Italia 2014 zurück. "Aber letztendlich ist es während des Sprints schon zu spät, um nachzudenken." Der Franzose sei immer mehr in Gedanken versunken und habe sich sogar überlegt, wo denn der beste Ort für einen Sturz wäre. "Wenn man sich solche Fragen stellt, hat es keinen Sinn mehr, zu sprinten. Die Stürze hinterlassen lebenslange Narben in meinem Kopf."

Nacer Bouhanni war nach einem Sturz "nur noch ein Schatten meiner selbst". | Foto: Cor Vos

Bei der Türkei-Rundfahrt 2022 war Bouhanni in einen schweren Sturz verwickelt, danach sei er nur noch "ein Schatten meiner selbst" gewesen. Rund ein Jahr später folgte der Rücktritt. "Ich stürzte und sah sofort, dass es ernst war", erinnerte sich der Franzose. "Ich brach zusammen. Ich rief meine Familie an, und für mich war das Radfahren vorbei."

Drei Karrieren, ein gemeinsamer Nenner: Wenn der Kopf nicht mehr mitspielt, blickt man der Gefahr durchgehend ins Auge. Man vergisst die Stürze nicht – weder die eigenen noch die der anderen.

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