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01.07.2021 | (rsn) - Betrachtet man Jonas Vingegaards letzte Wochen, so erinnert die Geschichte des Dänen ein wenig an die seiner Landsleute bei der Fußball-Europameisterschaft 1992. Ursprünglich war der 24-Jährige, der seit 2019 für Jumbo – Visma fährt, nicht für die 108. Tour de France vorgesehen. Tom Dumoulin sollte die Helferriege für Primoz Roglic vervollständigen.
Nachdem der Niederländer aber überraschend eine Auszeit vom Radsport ankündigte, entschied sich die Teamführung für den Dänen, der wohl im Juli Urlaub eingeplant hatte - so wie vor 29 Jahren die Fußballer, die nach dem Ausschluss Jugoslawiens unerwartet zur Europameisterschaft fuhren und in Schweden sogar den Titel gewannen. Von Vingegaard ist bei der Tour 2021 kein Gesamtsieg zu erwarten, aber er gibt Jumbo – Visma nach seinem fantastischen Auftritt im Einzelzeitfahren von Changé nach Laval die Option auf eine Doppelspitze, wenn es am Wochenende in die Alpen geht.
Als Dritter hinter Sieger Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) und Zeitfahreuropameister Stefan Küng (Groupama – FDJ) war der Mann aus Hillerslev die Sensation der 5. Etappe. Damit war Vingegaard nicht nur der drittbeste Fahrer des Tages, er ließ auch die deutlich höher eingeschätzten Teamkollegen wie Wout Van Aert oder Primoz Roglic hinter sich. "Ich war selbst ein wenig von meiner Zeit überrascht, aber die Form ist gut", berichtete der junge Däne über seine starke Fahrt im Kampf gegen die Uhr.
"Das gibt mir Selbstvertrauen", fügte Vingegaard an. Das erste Tourzeitfahren, so zumindest erklärte es der 23-Jährige, sei für ihn ein Test gewesen. Am Ende landete er nicht nur auf dem dritten Platz, sondern verbesserte sich in der Gesamtwertung um 15 Positionen auf Rang acht. "Ich wollte nur meine Sache gut machen und das Zeitfahren als Übung sehen. In der Zukunft möchte ich mich auch im Kampf um das Gesamtklassement bewähren", kündigte Vingegaard an.
Sein Team bescheinigt ihm ein großes Talent. In der U23 konnte er die großen Teams nicht von seinem Können überzeugen. Doch das hatte einen Grund. Vingegaard jobbte nebenbei in einer Fischfabrik, säuberte von fünf Uhr morgens bis mittags Fische, erst dann kümmerte er sich um sein Training. "Die meisten U23-Fahrer sind heute bereits Profis. Das war bei ihm nicht der Fall, also wussten wir, dass er noch viel Steigerungspotential hat", wurde Merijn Zeeman, der Sportliche Leiter von Jumbo-Visma, in einem kleinen dänischen Onlinemagazin zitiert.
Ein zukünftiger Toursieger?
Der ehemalige Radprofi Chris Anker Sörensen erklärte zuletzt im dänischen Fernsehen TV2, dass er Vingegaard zu den künftigen Klassementfahrern zählt: "Er ist die beste Wahl im Moment. In drei bis vier Jahren wird man auf ihn als potenziellen Toursieger setzen können." Im Frühjahr gelang Vingegaard dann der Durchbruch auf WorldTour-Niveau. Er gewann bei der UAE Tour die Bergankunft am Jebel Jais, dort bezwang er übrigens Pogacar im direkten Duell. Wenig später sicherte er sich mit zwei Tagessiegen die Gesamtwertung bei der italienischen Rundfahrt Settimana Internazionale Coppi e Bartali.
Ein Blick auf seine Zeitfahrresultate zeigt, dass der dritte Platz bei der Tour zwar sein Topresultat in dieser Disziplin ist, aber der Weg fast vorgezeichnet war. So wurde Vingegaard auch Dritter beim Auftaktzeitfahren im Baskenland und zuletzt Siebter beim Critérium du Dauphiné. Dort holte er sich den Feinschliff für die Tour, nachdem ihn zuvor Probleme an der Achillesferse plagten, so dass er den gesamten Mai kein einziges Rennen bestreiten konnte.
"Wenn man bei einer Grand Tour hart fahren will, dann muss man auch in den Zeitfahren hart zu sich sein", meinte Vingegaard nach seiner Vorstellung in Laval. Schon alleine mit dem Start in Brest erfüllte er sich einen Lebenstraum. Obwohl er derzeit vor seinem Kapitän Roglic in der Gesamtwertung liegt, stellt er dessen Rolle im Team nicht in Frage: "Er hat sich bei seinem Sturz nichts gebrochen und ich bin mir sicher, dass es ihm von Tag zu Tag besser gehen wird."
Loyal zu Roglic und ein klares Nein zu Olympia
Der Slowene kann sich also der Loyalität seines Helfers sicher sein, doch der fast identische Zeitunterschied der beiden Jumbo-Fahrer würde der niederländischen Mannschaft in den Bergen die Möglichkeit zu einer Doppelspitze geben. Angesichts der Stärke von Vorjahressieger Pogacar vielleicht eine neue und gewinnbringende Option. Nicht auszudenken, in welcher Position Vingegaard wäre, hätte er nicht auf der 3. Etappe auf seinen gestürzten Kapitän gewartet.
Der Däne gehört übrigens auch zu einem kleinen Fahrerkreis, die sich gegen eine Teilnahme an den Olympischen Spielen entschieden haben. "Nach einem harten Trainingsprogramm glaube ich einfach nicht daran, 100 Prozent dort abliefern zu können, weder physisch noch psychisch. Mein ganzes Programm ist auf die Tour abgestimmt, wo ich der beste Teamkollege sein will", erklärte Vingegaard, der aber zugab, dass ihm die Absage schwer viel: "Die Spiele sind ein wirklich großer Traum und diese Entscheidung war hart für mich."
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