Tour-Debütant holt am zweiten Tag Gelb

Van der Poel gelingt, was Großvater Poulidor nie schaffte

Von Joachim Logisch von der Mur de Bretagne

Foto zu dem Text "Van der Poel gelingt, was Großvater Poulidor nie schaffte"
Schon bei der Überquerung der Ziellinie gedachte Mathieu van der Poel mit dem Zeichen in den Himmel seines 2019 verstorbenen Großvaters Raymond Poulidor. | Foto: Cor Vos

27.06.2021  |  (rsn) - Mathieu van der Poel (Alpecin – Fenix) saß vor der Siegerehrung zusammengekauert auf dem Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben, und weinte hemmungslos. Er hatte durch den Sieg auf der 2. Etappe der 108. Tour de Francedas Gelbe Trikot  gewonnen, etwas, was seinem berühmten Großvater Raymond Poulidor nie gelungen war. Die Erinnerung daran ließ augenscheinlich alle Dämme brechen. Auf atemberaubende Weise schrieb der 26-jährige Niederländer die Geschichte seiner erfolgreichen Radsportfamilie fort.

"Bei meiner ersten Tour dieses besondere Trikot zu tragen, ist sehr speziell. Es wäre schön gewesen, diesen Moment mit meinem Großvater zu teilen und ein gemeinsames Foto mit ihm zu haben. Es ist hart, dass er nicht hier ist", erklärte van der Poel in der Siegerpressekonferenz seinen Gefühlsausbruch. Poulidor war seinerzeit der beliebteste Sportler Frankreichs: der "ewige Zweite", der dreimal Zweiter der Tour war, sie aber nie gewann. Er trug auch nie das Gelbe Trikot als Spitzenreiter.

Das gelang nun seinem Enkel! "Mir fehlen die Worte, ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich habe etwas gepokert", erklärte "MVP", warum er plötzlich schon bei der ersten Passage der Mur loslegte, als ginge es im den Tagessieg. "Ich habe da schon alles rausgehauen, da ich die Bonussekunden brauchte, wenn ich (später) eine Chance auf Gelb haben wollte." Er wusste, dass er wohl nur noch diese eine Chance auf den Spitzenplatz der Tour hatte, da ab morgen andere Fertigkeiten gefragt sind. "Unglaublich, dass es geklappt hat", konnte er es selbst kaum glauben, dass er der neue Führende der Tour de France ist.

Schon zum Auftakt standen Etappensieg und Gelb auf seiner Agenda. Doch auf der 1. Etappe ging sein Plan ging nicht auf. Van der Poel: "Gestern war noch schwerer, jeder war deshalb nicht mehr so frisch im Finale. Die Mur war zwar härter, aber es war leichter, sich hier zu positionieren. Außerdem fühlten sich heute meine Beine besser an."

Van der Poel bis zum Zeitfahren in Gelb?

Mit der Eroberung des Gelben Trikots zog er mit seinem Vater Adrie van der Poel, Poulidors Schwiegersohn gleich, der 1984 für einen Tag das Gelbe Trikot eroberte. Diese Bestmarke will der Filius gleich morgen knacken. "Realistisch ist, dass ich es bis zum Zeitfahren behalte. Aber nicht länger", meinte van der Poel, der sich auf den beiden kommenden Flachetappen sicher nicht abhängen lassen wird.

Van der Poel weiß, dass er keine Chance hat, gegen die Zeitfahr- und Bergspezialisten diese Tour de France zu gewinnen, trotzdem will er die große Schleife zu Ende fahren. "Es ist meine erste Tour. Wenn es möglich ist und nicht meine Olympiapläne beeinflusst, dann würde ich gerne bis nach Paris fahren", beteuerte er.

Der Versuchung, um das Grüne Trikot zu kämpfen, wird er nicht erliegen, da er sein nächsts Ziel die Olympischen Spiele von Tokio sein werden: "Um Grün zu kämpfen, ist mir zu schwer, jeden Tag versuchen, Punkte zu holen und ganz tief zu gehen. Wenn ich mir aber meine Etappen aussuche und in einer guten Form bin, dann kann ich direkt von Paris nach Tokio reisen", sagte van der Poel.

Dort will er mit dem Mountainbike um Gold kämpfen! Es wäre der erste Olympiasieg der Familie!

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