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29.07.2010 | (rsn) - Vier Tage nach dem Ende der Tour de France traf sich Radsport News mit Milrams Sportlichem Leiter Christian Henn zum Interview. Dabei schilderte der Heidelberger die vergangenen drei Wochen und äußerte sich zum schwachen Abschneiden seines Teams. Nach dem wahrscheinlichen Aus des Milram-Rennstalls am Ende der Saison sieht Henn große Probleme auf den deutschen Radsport zukommen.
Das Ende der Tour liegt jetzt vier Tage zurück. Wie fällt Ihre Bilanz mit etwas Abstand aus?
Henn: Sportlich hätte es besser laufen können, ja müssen. Wir haben einen zweiten Platz von Ciolek, Roberts war einmal Fünfter. Insgesamt waren wir drei Mal in den Gruppen vertreten. Aber das war es leider auch schon.
Hat die Teamleitung schon analysiert, woran es lag?
Henn: Nein, das haben wir noch nicht. Das wird in den kommenden Tagen geschehen.
Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den schwachen Auftritt?
Henn: Die Mannschaft war von Anfang der Saison gefordert. Seit Januar bei der Tour Down Under in Australien sind die Jungs auf hohem Niveau gefahren. Danach kamen die Klassiker, der Giro. Da mussten wir viel Kraft reinstecken, da wir mit guten Ergebnissen die Sponsorensuche erleichtern sollten. Bis zur Tour können wir auch mit dem Jahr zufrieden sein. Aber in Frankreich waren die Fahrer dann platt, sie haben zuvor wohl zu lange auf hohem Niveau fahren müssen. Zudem ist die Spitze im Team relativ schmal. Das Potenzial der Mannschaft ist sicherlich nicht auf dem allerhöchsten Niveau. Natürlich kam auch noch etwas Pech dazu. Wir hatten mehrere kranke und gestürzte Fahrer wie Knees, Wegmann, Kluge, Terpstra und Fröhlinger.
Wie sah die taktische Marschrichtung für die Tour aus?
Henn: Wir wollten offensiv fahren. Die Gesamtwertung war kein Ziel. Wir wollten oft in die Gruppen gehen. Das hat aber leider nicht geklappt. Was will man machen, wenn die Fahrer nicht die Beine dazu haben oder, weil sie übermotiviert sind, es mit Gewalt in die Gruppen versuchen? Dann klappt es sowieso nicht. Oft sind die Gruppen so dermaßen umkämpft, dass man zehn Mal mitspringt, und wenn beim elften Mal die Gruppe geht, ist einfach die Kraft nicht mehr da.
Gerald Ciolek ist gut über die Berge gekommen, im Sprint lief aber wenig zusammen. Woran lag es?
Henn: Zum einen muss man sagen, dass er im Sprint einmal Zweiter wurde. Er kann es also. Ich kann mir Ciolek in Zukunft aber auch als Klassikerfahrer vorstellen. Ich hätte ihn in diesem Jahr gerne bei Flandern gesehen, aber leider war er verletzt. Für die letzten 1,000 Meter hat ganz klar Roger Kluge nach seinem Ausfall gefehlt. Wir hatten keinen Fahrer, der Gerald in der Endphase positionieren konnte. Und Gerald selbst ist auch nicht wirklich ein Draufgänger.
Was lief in der Vorbereitung auf die Tour schief?
Henn: Wie bereits gesagt: Wir haben wenige Kapitäne, die dann schon im Frühjahr für Ergebnisse sorgen mussten. Gerdemann musste den Giro voll durchfahren, um mit guten Leistungen die Sponsorensuche zu erleichtern. Wegmann und Ciolek waren lange verletzt.
War der Druck auf die junge Mannschaft, gute Ergebnisse einfahren zu müssen, zu groß?
Henn: Natürlich war Druck da. Aber zu groß war der Druck nicht. Damit müssen die Fahrer einfach umgehen können.
Nicht nur die Tour-Ergebnisse waren bescheiden. Zudem musste Teamchef Gerry Van Gerwen mitteilen, dass es keinen Nachfolgesponsor geben wird. Wie war die Stimmung im Team?
Henn: Naja, die Stimmung war mittelgut. Wenn wir gleich zu Beginn der Tour ein Erfolgserlebnis gehabt hätten, hätte das die Mannschaft sicher mitgerissen. Das ist aber leider nicht der Fall gewesen.
Sie haben in diesem Jahr eine neue Rolle im Team übernommen. Wie sah die bei der Tour genau aus?
Henn: Ralf Grabsch und Gerry van Gerwen waren für das Sportliche verantwortlich. Ich selbst stand nur beratend zur Seite. Ralf Grabsch hat die Fahrereinteilung vorgenommen, ich selbst habe die Rennen analysiert. Bei der Tour war ich für die technischen Dinge, beispielsweise den Tagesablauf, zuständig.
Vor zwei Jahren waren Sie, was die Sponsorenfrage angeht, beim Team Gerolsteiner in einer ähnlichen Situation. Sind Vergleiche möglich?
Henn: Nach dem Aus von Gerolsteiner wusste man, dass es mit Milram noch ein großes deutsches Team geben würde. Die haben deutsche Fahrer und Angestellte gesucht. Das ist jetzt nicht der Fall. Es wird wohl kein großes „Milram-Paket“ zu einem anderen Team wechseln. Für den deutschen Radsport ist das sehr schade, dass es keine Mannschaft auf höchstem Niveau geben wird.
Van Gerwen will weiter um einen Sponsor kämpfen und auch die 200.000 Euro Bürgschaft bei der UCI hinterlegen. Wie sehen Sie die Chancen?
Henn: Natürlich hat er noch Chancen, falls er bis September einen Sponsor findet. Allerdings wird es da schon bei der Fahrerdecke dünn. Man kann nicht mehr frei auswählen. Die meisten Verträge werden schon Mitte August abgeschlossen.
Hans Michael Holczer und Gerry van Gerwen sind mit ihren Versuchen gescheitert, neue Sponsoren für ein deutsches Team zu finden. Bjarne Riis hingegen war zwei Mal binnen kurzer Zeit erfolgreich. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Henn: Ehrlich gesagt nicht. Ich selbst war auch noch nie an Sponsorensuche beteiligt, stecke also nicht in der Materie drin. Wenn es aber in Deutschland wieder ein großes Team mit den Topfahrern geben würde, wäre die Euphorie für den Profi-Radsport schnell wieder da. Im Moment ist aber kein Ausweg in Sicht.
Kein ProTour-Team und immer wenige Rennen in Deutschland…
Henn: Ja, das ist ein Teufelskreis. Ohne große Mannschaften aus Deutschland, wird es auch keine neuen Rennen in Deutschland geben. Und ohne große Rennen in Deutschland wird auch kein national ausgerichteter Sponsor einsteigen. Für die kleineren Mannschaften fällt das deutsche Programm fast komplett weg. Vielleicht geht in naher Zukunft etwas bei NetApp, deren finanzielles Potenzial ja recht vielversprechend aussieht.
Wie wird es mit Ihnen 2011 weitergehen?
Henn: Ich habe Kontakte zu einigen Teams der 1. Liga. Aber noch ist nichts sicher. Das wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Ein Alternativprogramm habe ich noch nicht. Ich hoffe, dass es mit einem guten Team klappen wird.
Wie sieht es bei den Milram-Fahrern aus?
Henn: Ich denke, dass die Hälfte der Fahrer unterkommen wird. Ich habe aber auch noch von keinem Fahrer gehört, dass er definitiv aufhören wird. Ich selbst versuche den Fahrern bei der Teamsuche soweit es geht zu helfen.
Mit Christian Henn sprach Christoph Adamietz.
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