RSNplusRoubaix-Sechster blickt schon auf die Tour

Rutsch: “Ich habe das wirklich gebraucht“

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Rutsch: “Ich habe das wirklich gebraucht“"
Jonas Rutsch (Intermarché - Wanty) | Foto: Cor Vos

16.04.2025  |  (rsn) – Beim 122. Paris-Roubaix (1.UWT) fuhr Jonas Rutsch (Intermarché – Wanty)  bei einem “Ritt auf Messers Schneide“ ein Ergebnis heraus, “dass der Kopf dingend brauchte“, wie er RSN berichtete. Als Sechster revanchierte er sich für 2021, als er die Top Ten im Vélodrome André Petrieux um einen Rang verpasste.

Im Winter wechselte Rutsch von EF Education – EasyPost zu Intermarché, weil er nach fünf Jahren beim US-amerikanischen Team “festgefahren war“ und er seiner Karriere in der sechsten Profisaison “einen neuen Schub verpassen“ wollte. Bei seinem neuen Arbeitgeber gefiel ihm die Mentalität, dass man über Wettkämpfe gut werde. “Dieses Jahr werde ich wohl so viele Rennen fahren, wie es in meiner Karriere noch nie zuvor getan habe“, meinte Rutsch.

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Schon vor Roubaix waren es derer 20, zwölf auf WorldTour- und acht auf Pro-Niveau. Obwohl er einige Male als Ausreißer und Helfer überzeugte, blieben die Spitzenplatzierungen aber aus. “Ich hatte das ganze Jahr eigentlich ein gutes Bein. Ich war oftmals im Finale in Situationen, in denen es um die Top Ten ging. Das war aber eben auch mit Bini“, blickte Rutsch zurück. Biniam Girmay ist der größte Star bei Intermarché und zugleich der beste Sprinter der Mannschaft – wenn der Eritreer auf den letzten Kilometern dabei ist, wird für ihn gefahren.

Jonas Rutsch (Intermarché – Wanty) war bei Paris-Roubaix der stärkste der Ausreißer. | Foto: Cor Vos

Zu den gewünschten Ergebnissen hatte das in diesem Frühjahr nicht immer geführt. “Mal war die Tagesform wohl nicht ideal – und manchmal kam auch etwas dazwischen“, so der 27-Jährige. Als Beispiel erwähnte er Mailand-Sanremo (1.UWT): “Da hätte er auf jeden Fall Top 5 fahren können. In der letzten Schikane ist ihm aber die Kette runtergefallen. Dann war der ganze Tag für die Füße“, urteilte er über den 14. Platz seines Kapitäns – und Rang 38 für sich selbst.

Vom Vollattacken- in den Energiesparmodus

Auf dem Weg nach Roubaix aber spielte der Eritreer im Rennplan des Deutschen keine Rolle. Rutsch initiierte die Gruppe des Tages, die nach der Trouée d’Arenberg von Mathieu van der Poel (Alpecin – Deceuninck) und einigen andern Favoriten aufgerollt wurde. Andere Intermarché-Profis waren nicht dabei, Rutsch konnte sein eigenes Rennen fahren – und hatte diesmal vorgesorgt. “Oft bin ich im Vollattackenmodus in die Gruppe gegangen und konnte den dann nicht mehr runterfahren. Dafür sind 260 Kilometer aber einfach zu lang. Deshalb habe ich direkt, als ich gemerkt habe, dass meine Gruppe endlich weg ist, in den Energiesparmodus geschaltet.“

So hatte Rutsch noch Reserven, die er auch dringend benötigte. “Die sind dann gefahren wie die Irren und die nächsten 40 bis 50 Kilometer habe ich einfach nur auf die Zähne gebissen. Da war auch keine Taktik involviert. Ich wusste, ich muss hierbleiben, denn wenn ich jetzt gehen lasse, ist das Rennen vorbei“, erinnerte er sich. “Ich habe nur noch drauf gewartet, dass die Leute, die von hinten nach vorn gekommen sind, irgendwann genau so müde werden wie ich und wir quasi auf einem Level sind und den Rest Richtung Ziel klären können“, fügte er an.

Der Ritt auf Messers Schneide

Rund 55 Kilometer vor dem Ziel, auf dem Sektor 13, wurde es einmal besonders knapp. “Das war ein Ritt aufs Messer Schneide, der Drehzahlbegrenzer schlug eine ganze Zeit voll an“, berichtete Rutsch. “Ich war in Orchies in einer guten Position auf dem Pavé-Stück und es wurde richtig gedrückt. Teunissen ist das Vorderrad um die Ohren geflogen. Dadurch ist ein Loch in der Gruppe entstanden. Pedersen hat vorn voll weitergezogen. Peu à peu sind die Leute nach vorn gesprungen“, fuhr er fort.

Im berühmten Velodrome sprintete Rutsch auf Platz sechs – es war sein bisher größter Erfolg bei den Klassikern. | Foto: Veranstalter

Drei Fahrer blieben allerdings zurück: Wout van Aert (Visma – Lease a Bike), dessen junger Teamkollege Matthew Brennan und Rutsch selbst. “Die beiden wollten mit mir Katz und Maus spielen und das Loch nicht selbst zufahren. Die waren wohl selbst auch am Limit“, vermutete der Intermarché-Neuzugang. “Ich wollte zurück zur Gruppe springen, habe es aber nicht ganz geschafft. Brennan ist mitgegangen und an mir vorbeigesprungen. Ich habe die letzten Meter dann nicht mehr ganz zu bekommen“, so Rutsch, der für einige Zeit wenige Meter hinter der Gruppe um Mads Pedersen (Lidl – Trek) hängen blieb und erst mit Hilfe des von hinten wieder aufrückenden van Aert den erneuten Anschluss schaffte.

Gut gefahren. Punkt!

Hätte es dort nicht geklappt, wäre es für Rutsch wohl noch weit nach hinten gegangen. Wie schnell das passieren kann, zeigte sich an Neoprofi Brennan. Der 19-Jährige konnte kurze Zeit später nicht mehr folgen und wurde 44. – damit landete er einen Platz hinter Stefan Küng (Groupama – FDJ), der kurz nach Mike Teunissen (XDS - Astana) mit Defekt aus der Gruppe gefallen war und lange wenige Sekunden hinter Pedersen & Co. und den Anschluss schaffte.

So kam es für Rutsch aber nicht. Vielmehr fuhr er gemeinsam mit Stefan Bissegger (Decathlon – AG2R) und Markus Hoelgaard (Uno-X Mobility) in das Velodrome spurtete um Platz sechs. Wo er vor vier Jahren noch Letzter seiner Gruppe wurde, war er diesmal der Schnellste und bescherte sich so den größten Erfolg seiner Karriere. “Ich habe das wirklich gebraucht. Man hat jetzt immer wieder gesehen, dass ich einen großen Motor und ein gewisses Potenzial für dieses Rennen habe, war es wichtig, dass so etwas dabei raus kommt. Dass man nicht sagen kann: ‘Er ist gut gefahren, aber…‘, sondern dass da ein Punkt kommt: ‘Er ist gut gefahren‘“, betonte Rutsch.

Im Jahr 2021 reichte es schon einmal zum elften Platz bei der “Königin der Klassiker“. | Foto: Cor Vos

“Das war der Achtungserfolg, den man ab einem gewissen Punkt in seiner Karriere einfach braucht. Die Welt dreht sich jetzt nicht um 180 Grad, aber es fällt jetzt schon eine gewisse Last von meinen Schultern“, gab der Hesse zu.

Die Welt allerdings dreht sich weiter! Auch für Rutsch: “Vorgestern und gestern habe ich Pause gemacht, heute war ich schon wieder hier im Spessart mit Freunden auf dem Gravelbike unterwegs“, lachte er. Im Rennsattel wird er aber erst mal zwei Wochen nicht zu bewundern sein, bevor es am 1. Mai bei Eschborn-Frankfurt (1.UWT) weitergeht.

Auf der Longlist für die Tour

Auch in den kommenden Wochen und Monaten warten auf Rutsch einige schöne Herausforderungen. “Ich bin auf der Longlist für das Tourteam. Ich hoffe, dieses Jahr eine Chance zu bekommen, um da zu fahren“, so der Deutsche, der 2021 und 2022 dabei war und jeweils bis Paris durchfuhr. Bevor es soweit ist, stehen aber noch die Coupe-de-France-Rennen in Morbihan (1.Pro) am 10. Mai und einen Tag danach Tro-Bro Léon (1.Pro) an. “Vom Profil her sollte mir das eigentlich auch gut liegen“, vermutete er vor seinem Debüt bei beiden Rennen. Tro-Bro Léon erinnert wegen seiner vielen Naturstraßen sogar etwas an Paris-Roubaix.

Anschließend wird Rutsch ins Höhentrainingslager nach Andorra fahren, um sich dort auf die Deutschen Meisterschaften und eventuell seine dritte Teilnahme an der Grande Boucle vorzubereiten.

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