Interview zum Lindner-Abgang

Wackernagel: “Kein gutes Vorbild für den Nachwuchs“

Von Christoph Adamietz

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Lars Wackernagel (Teamchef P&S Benotti) | Foto: Dana Dzankovic

03.11.2022  |  (rsn) - Vor einigen Tagen erklärte Tom Lindner, dass er zum Saisonende P&S Benotti verlassen werde, nachdem der Rennstall zuvor bereits den Verbleib eines der großen deutschen U23-Talente bekannt gegeben hatte. Bei seinem Teamchef Lars Wackernagel kam der späte Sinneswandel alles andere als gut an, wie der 47-Jährige nun im Interview mit radsport-news.com erläuterte.

Tom Lindner, einer Ihrer besten Fahrer, hat sie kurzfristig informiert, dass er das Team verlassen wird. Wie kam es dazu und was bedeutet sein Weggang für P&S Benotti?
Wackernagel:
Für uns war es natürlich eine verheerende Nachricht, dass Tom das Team verlässt. Er hat mich angerufen und mir ohne nähere Angaben von Gründen seine Entscheidung mitgeteilt. Die persönliche Entscheidung eines Sportlers ist dann für uns zu akzeptieren. Ärgerlich auch, dass ich anderen talentierten Fahrern abgesagt hatte, weil der Kader voll war. Jetzt so spät im Jahr gleichwertigen Ersatz zu finden, ist natürlich schwer.

War Lindner für 2023 vertraglich bei Ihnen gebunden?
Wackernagel: Er hat einen bestehenden Vertrag für 2023, der von beiden Seiten unterschrieben und auch bei der UCI eingereicht wurde. Wir maßen uns aber nicht an, ihn deshalb zum Verbleib zu zwingen. Würden wir uns da stur stellen, dann würde er nächstes Jahr nirgends Rad fahren.

Welches Verhalten hätten Sie sich denn gewünscht?
Wackernagel: Man muss nicht einen Vertrag unterschreiben, wenn man schon irgendetwas in sich spürt und man muss auch nicht das Team in dem Gefühl lassen: Das ist ein tolles Team, ich fühle mich wohl, das ist meine Familie. Das muss man nicht machen. Man kann dann im August, wenn die ersten Gespräche für die neue Saison stattfinden, Zweifel anmelden. Man kann sich darüber unterhalten, wenn man da etwas in sich spürt. Das ist auch das, was unser Team ausmacht. Wir haben das schon mehrmals erlebt, dass Fahrer etwas in sich gespürt haben und wir haben es geschafft, das zu durchleuchten und zu besprechen. Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden.

Sind Sie persönlich enttäuscht?
Wackernagel: Tom ist ein begnadeter Rennfahrer, aber was ist bei ihm passiert, dass er solch eine Entscheidung zu so einem Zeitpunkt und auf eine solche Art und Weise getroffen hat? Und ich weiß nicht mal, ob er es genau versteht, was los ist. Ich habe ihm gesagt: Du rennst weg. Und das hat er mir auch so bestätigt – um sich selbst zu schützen. Das gibt natürlich viel Raum für Spekulation, denn er konnte nicht erklären, wovor er sich schützen wollte. Ich selbst weiß es auch nicht und mache mir persönlich sehr große Sorgen und das habe ich ihm auch so mitgeteilt. Ich habe ihm aber auch gesagt, dass ich ihm zuhöre, wenn er bereit ist zu sprechen.

Hätten Sie vielleicht schon vorher mehr miteinander sprechen müssen, um auszuloten, was in ihm vorgeht?
Wackernagel: Wir fragen uns natürlich auch: Was können wir in Zukunft besser machen, dass so etwas wie jetzt mit Tom nicht wieder passiert? Wir müssen vielleicht noch mehr Gespräche führen, wie es jedem einzelnen Fahrer geht. So etwas darf uns nicht durch die Lappen gehen, denn so etwas bahnt sich ja an. Wir haben wieder etwas dazu gelernt.

Worüber haben Sie mit Lindner in den letzten Gesprächen geredet?
Wackernagel: In unserem Saisonplanungsgespräch vor fünf Wochen habe ich ihm etwa das Feedback gegeben, dass er sich in Sachen Training neuen Input holen könnte. Er muss nicht unter mir trainieren, für mich zählt nur der Erfolg des Sportlers, ich muss mir da keine Medaille umhängen. Da kam ganz klar die Aussage, dass er das nicht möchte und mit mir zusammen weiter sein Training und die anstehende Cross-Saison planen wolle. Er vertraue mir zu 100 Prozent. Er könne sich nichts Anderes vorstellen. Das ist fünf Wochen her…. Außerdem sagte er mir, dass er sich – außer, wenn die Chance auf ein höherklassiges Team bestehe - nicht vorstellen könnte, für ein anderes Team zu fahren. Das Vertrauen ineinander war sehr groß, wir sind gut vorangekommen und er sah auch seine sportliche Entwicklung – und auch, dass seine Entwicklung noch nicht zu Ende ist. Auch andere Kontinental-Teams waren an Tom interessiert, denen er mit der Begründung, bei P&S Benotti unterschrieben zu haben, abgesagt hat.

Sie haben in den Gesprächen mit Lindner also nichts bemerkt, was auf einen Sinneswandel hätte hindeuten können?
Wackernagel: Meine Gedanken waren zu dem Zeitpunkt schon in Richtung: Hier stimmt was nicht. Aber wenn einer deiner Sportler vor dir steht und ganz klar sagt, was er will und nicht will und wie er empfindet, streicht man seine eigene Empfindung und Wahrnehmung – außer man ist ein wirklich guter Psychologe. Wenn ich dadurch mitschuldig bin für Toms Handeln, nehme ich dies auf mich. Ich bin kein ausgebildeter Psychologe.

Hat Ihr Team den Fahrer unterstützt bei seinen Ambitionen, Profi zu werden?
Wackernagel: Wir haben Tom sehr zeitig kommuniziert, dass er auf dem Weg, eine Stufe höher zu kommen, unsere volle Unterstützung erhält. Das gleiche gilt auch für Fahrer wie U23-Meister Jannis Peter und Tobias Nolde. Wir halten hier niemanden fest, sondern sind im Gegenteil darauf aus, die Jungs bei ihrem sportlichen Aufstieg zu unterstützen. Mit seiner Agentur gab und gibt es eine hervorragende Zusammenarbeit und Kommunikation. Nach den Deutschen Straßenmeisterschaften wurde miteinander besprochen, wie Toms weiterer Weg aussehen könnte, das zu schaffen. Nachdem wir alle unsere Unterschrift unter den Vertrag für 2023 gesetzt haben, wurde noch mal ausführlich besprochen, dass die Chance, in ein höherklassiges Team zu wechseln jederzeit möglich sein wird, sollte dieses doch noch an die Tür klopfen und Tom verpflichten wollen.

Wie sah der von Ihnen angesprochene Weg aus, um Lindner zu unterstützen?
Wackernagel: Wir haben Tom in den Rennen ein Team zur Seite gestellt, das ihn immer bis zur Ziellinie gebracht hat und ihm so die Chance gab, Siege einzufahren. Das ganze Team wusste, dass es darum ging, Tom dabei behilflich zu sein, den Sprung nach oben möglich zu machen. Genauso wie das ganze Team hinter Tobi und Jannis stand, als es bei ihren Rennen um ihre Chancen ging.

Tom Lindner hat gegenüber radsport-news.com als Grund für seinen Abschied angegeben, dass er im Team sportlich nicht mehr weiterkomme. Können Sie das nachvollziehen?
Wackernagel: Vielleicht kann das neue Team ihn ja 25 Meter vor dem Ziel absetzen und nicht “erst“ 150 Meter, so wie wir es getan haben. Jedem ist klar, den letzten Schritt muss jeder, der da vorne reinsprinten will, alleine machen. Jeder Sprint wird auf den letzten 150 Metern eröffnet und wird da gewonnen oder verloren. Aber der Weg dahin, dass du eine ganze Mannschaft vor dir herpeitschen kannst, das muss man erst mal schaffen. Und das hat viel mit Vertrauen zu tun. Und da haben die Jungs sich zu 100 Prozent aufgeopfert, mir vertraut, wenn ich die Richtung vorgegeben habe: alles für Tom, und damit auch Tom immer wieder das Vertrauen geschenkt, selbst wenn er vielleicht zum dritten Mal hintereinander Fünfter oder Sechster wird. Und ich möchte festhalten, wir sind ein Team, das sich sportlich durchaus weiterentwickelt hat. Es ist nicht so, wie Tom es darstellt.

Sondern?
Wackernagel: Wenn man bedenkt, was wir allein in der zurückliegenden Saison an Rückschlägen hinnehmen mussten, um dann wieder starke Leistungen auf die Straße zu bringen, ist das eine mentale Stärke. Wir sind sehr stolz auf dieses Team. Eine klare Sprache sprechen auch die enorm vielen Bewerbungen von Fahrern aus In- und Ausland. Da sind Leute aus dem Ausland dabei, die schon etwas mehr auf der Habenseite vorweisen können als Tom. Aber ich musste ihnen, als wir wirklich schon voll besetzt waren, absagen, um sie jetzt wieder zu kontaktieren.

Wie kam die Nachricht von Tom Lindners Abschied bei den Teamkollegen an?
Wackernagel: Ganz ehrlich, ich möchte nicht in der Haut seiner alten Teamkollegen stecken. Ihnen geht wahrscheinlich durch den Kopf: Wir haben uns den Hintern für ihn aufgerissen, unsere eigenen Chancen hintenangestellt. Und es ging dann international gesehen bei Tom um vierte bis zehnte Plätze, wo wir intern auch gesagt haben: Da muss mehr kommen. Nach diesen Besprechungen gab es die nächste Chance für Tom und alle haben wieder bedingungslos mitgemacht und sich für Tom gestrafft. International haben Tobi und Jannis die Kohlen aus dem Feuer geholt. Tobi mit seinen beiden UCI-Siegen und Jannis mit seiner guten Gesamtplatzierung in der Flèche du Sud und der alles überragende Sieg bei der Drei-Länder-Meisterschaft der U23 in Luxemburg. Beide hatten da auch die komplette Unterstützung des Teams.

Sie haben sich jetzt die Enttäuschung von der Seele geredet. Was geht Ihnen abschließend durch den Kopf?
Wackernagel: Alle, die mit jungen Menschen arbeiten, haben einen pädagogischen Auftrag, in diesen schwierigen Zeiten mehr denn je. Meinen sehe ich darin, die Jungs auf das vorzubereiten, was neben dem Radsport im normalen Leben und Gesellschaft passiert. Loyalität, Benimmregeln, Konsequenz tragen für Dinge, die sie tun und für die Entscheidungen, die sie treffen. Im Falle von Tom ist das schiefgegangen und er hat den Pfad des anständigen Benehmens und Handelns - ob wissentlich oder unwissentlich - verlassen. Das war kein gutes Vorbild für den Nachwuchs, wie man es machen sollte. Abschließend könnte man auch sagen, ich habe in diesem Fall versagt.

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