Interview mit dem U23-Europameister

Engelhardt: “Ein befreiendes Gefühl“

Von Christoph Adamietz

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Felix Engelhardt ist neuer Europameister der U23 | Foto: Bettiniphoto/UEC

11.07.2022  |  (rsn) – Am Sonntag wurde Felix Engelhardt im portugiesischen Anadia Straßeneuropameister der U23. Am Tag darauf sprach der 21-Jährige mit radsport-news.com über seinen Coup, der ihn vor allem selbst überraschte.

Herr Engelhardt, Glückwunsch zum EM-Titel. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den Zielstrich als Erster passiert hatten?
Engelhardt: Im Ziel dachte ich erst: Ist das wirklich passiert? Es kann doch eigentlich nicht sein, sind wir eine Runde zu wenig gefahren? Es war ein unglaubliches Gefühl als klar war, dass ich das Rennen gewonnen hatte. Ich hatte die anderen Fahrer der Gruppe eigentlich im Sprint stärker eingeschätzt, aber bei mir lief einfach alles perfekt.

Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?
Engelhardt: Für mich ist es noch immer unbeschreiblich, ich kann es immer noch nicht in Worte fassen. Mein erster Sieg in der U23 und dann noch bei der EM, das ist ein Traum. Er kam auch ziemlich unerwartet.

Bei der U23-DM in der Woche zuvor mussten Sie vorzeitig aufgeben, obwohl Sie zu den Titelanwärtern zählten. Dämpfte das die Erwartungen mit Blick auf die EM?
Engelhardt: Bei der U23-DM war ich gestürzt und musste genäht werden. Deshalb war das Rennen dann vorzeitig für mich vorbei. Die Beine waren gut, aber mit einer Platzwunde weiterfahren, das stand in keiner Relation zu einem möglichen Ergebnis dort. Ich wollte auch mit Blick auf die EM und die weiteren Rennen nichts riskieren.

Gingen Sie mit der Hoffnung auf Gold ins Rennen? Sie sind ja zuletzt stark gefahren…
Engelhardt: Ich wusste nicht, was ich vom Rennen erwarten sollte, die Top Ten waren realistisch, aber ich hatte nicht direkt Siegambitionen, auch weil das Rennen am Anfang nicht sonderlich hart war. Ich war schon etwas frustriert und habe dann einfach mit attackiert ohne mir dabei was zu denken. Ich wollte, dass endlich Radrennen gefahren wird.

Wie lief denn der Auftakt des Rennens?
Engelhardt: Zunächst relativ unspektakulär. Es ging eine kleine Gruppe, die Niederländer und Schweizer haben dann irgendwann angefangen zu kontrollieren und das Tempo war auch nicht sonderlich hoch. Ich dachte schon, dass es für ein Ausscheidungsfahren nicht schwer genug werden würde und so heiß wie bei den Junioren war es auch nicht.

Also hat das Wetter keine entscheidende Rolle gespielt?
Engelhardt:Es war auf keinen Fall so heiß wie die Tage zuvor, etwas über 30 Grad, das war zum Rennen fahren eigentlich ok. Mir macht die Hitze auch nicht so viel aus und ich war das auch vom Giro gewohnt. Das Wetter hatte sicherlich ein bisschen Einfluss, diejenigen, die mit den hohen Temperaturen nicht so gut zurechtkommen, die hatten vielleicht ein paar Probleme. Es war aber auch keine superexponierte Strecke, es war auch ein bisschen schattig.

Wollten Sie als Team das Rennen offensiver angehen?
Engelhardt: Wir sind es zunächst bewusst eher passiv angegangen, denn wir hatten alle Möglichkeiten. Mit Jannis Peter und mir hatten wir Leute für ein schweres Finale, dazu Tim Torn Teutenberg, Tom Lindner und Maurice Ballerstedt Fahrer für ein eher sprintlastiges Finale sowie Tobias Buck-Gramcko, der einen großen Motor hat. Entsprechend haben wir es auch erst mal auf uns zukommen lassen.

Irgendwann aber sind Sie dann aber doch in die Offensive gegangen…
Engelhardt:Vor dem Anstieg auf der vorletzten Runde begannen die Attacken, ich war mit einer sechs oder sieben Fahrer starken Gruppe vorne, da begann man sich anzuschauen und ich war dann plötzlich alleine vorne. Ich bin mein Tempo gleichmäßig weitergefahren. Zunächst kam Erik Fetter dazu, dann kurz vor der Kuppe schlossen noch Mathias Vacek und Davide De Pretto auf.

Wie lief die Kooperation an der Spitze?
Engelhardt: Wir haben sehr gut zusammengearbeitet, das war sicherlich der siegbringende Move. Jeder hat alles gegeben, sonst wären wir auch nicht vorne geblieben, denn die Lücke war nicht groß.

Wie lief das Finale aus Ihrer Sicht?
Engelhardt: An der letzten Rampe vier Kilometer vor dem Ziel hatte ich ein paar Probleme, da hat mir nach dem Giro mit den vielen langen Anstiegen etwas der Punch gefehlt. Ich hatte an der Kuppe etwas Rückstand, bin dann aber auf der Abfahrt etwas mehr Risiko gegangen als die anderen und konnte zum Glück wieder aufschließen. Auf der Zielgeraden gab es einen Moment, wo sich alle kurz angeschaut haben, das Feld war schon relativ nahe etwa 200 Meter vor dem Ziel. Ich hatte etwas Lücke zu meinen Vordermännern und bin dann mit Schwung vorbei und hatte glücklicherweise die Beine, um bis zum Ende Vollgas durchzuziehen. Da hatte ich den richtigen Riecher gehabt.

Der Vorsprung auf die Verfolger war nie groß, am Ende brachten Sie drei Sekunden an Vorsprung ins Ziel. Hatten Sie zwischendurch Sorgen, dass es vielleicht doch nicht reichen würde?
Engelhardt: Wir hatten nie mehr als 40 Sekunden an Vorsprung, so dass ich fünf Kilometer vor dem Ziel nicht dachte, dass es für uns reicht, weil es einfach viel zu knapp war. Aber während man sich im Feld nicht einig war, waren wir uns vorne eben super einig, hatten alle das gleiche Ziel. Und es hat definitiv geholfen, dass wir vorne alles starke Fahrer waren und dazu kam noch, dass wir auch alle ähnliche Fahrertypen waren und es für den Sprint keinen klaren Favoriten gab.

Für Sie war es der erste U23-Sieg. Hatten Sie sich wegen der sieglosen Zeit schon unter Druck gesetzt?
Engelhardt: Ich wusste, dass ich Rennen gewinnen kann, oftmals war es in der Vergangenheit ein bisschen Übereifer, ich war zu früh dran oder zu spät oder bin taktisch blöd gefahren, wo ich Rennen hätte gewinnen können. Dass hier jetzt alles perfekt lief war natürlich auch Glück, dazu die Erfahrung vom diesjährigen Giro und den letzten Rennen, wo ich vorne um den Sieg mitgefahren bin. Ich hatte mir vorgenommen, meine U23-Zeit mit einem Sieg zu beenden. Jetzt den EM-Titel gewonnen zu haben, das ist natürlich ein Traum, ein befreiendes Gefühl. Nicht nur in der Theorie hätte man vielleicht, wenn man etwas anderes gemacht hätte, gewinnen können. Sondern es hat tatsächlich geklappt.

Bekommt das EM-Trikot einen besonderen Platz?
Engelhardt: Das Trikot kommt auf jeden Fall in einen Rahmen daheim an die Wand. Es war ja für mich doch eine einmalige Story. Wer weiß, ob so etwas noch mal passieren wird. Entsprechend weiß ich das auch schon wertzuschätzen.

Ist der Profivertrag nun zum Greifen nahe?
Engelhardt:Ich hoffe, dass das der entscheidende Schritt war. Was bisher gefehlt hat, waren Siege. Die Ergebnisse waren ja schon gut, aber ich hoffe, dass der Erfolg jetzt den Ausschlag gibt.

 

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