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10.12.2017 | (rsn) - Grischa Niermann hat in der Rolle als Sportlicher Leiter bei LottoNL-Jumbo seine erste Saison hinter sich gebracht. Im Interview mit radsport-news.com spricht der 42-jährige Hannoveraner, der 2012 seine Profikarriere beendete, über seine neuen Erfahrungen auf WorldTour-Niveau, über die sportliche Bilanz seines Teams und erklärt, was er sich von den aufstrebenden Dylan Groenewegen und Primoz Roglic im neuen Jahr erwartet.
Herr Niermann, Sie sind in diesem Jahr quasi zu den Profis aufgestiegen und waren erstmals als Sportdirektor bei LottoNL-Jumbo unterwegs. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Grischa Niermann: Ich habe vier Jahre lang beim Rabobank Development Team Erfahrung als Coach sammeln können, die mir in dieser Saison sehr zugute gekommen sind. Der Sprung zu den Profis war auch in diesem Bereich mein langfristiges Ziel, wenngleich ich mir nicht sicher war, ob mir die Arbeit im Profibereich genauso gut liegen würde wie das Fördern junger Talente. Ich denke, dass ich mich in meiner neuen Rolle schnell zurechtgefunden habe. Das das Team hat mir auch von Anfang an zugetraut, Verantwortung zu übernehmen. Und junge Talente fördern kann ich auch immer noch, jetzt halt bei den ersten Schritten im Profibereich.
Wie groß sind die denn Unterschiede in der Verantwortung für ein U23- und ein Profiteam?
Niermann: Bei den Profis wird man natürlich mehr an den Resultaten gemessen als in einem U23-Team, schließlich investieren die Sponsoren viel Geld, um Ihre Namen in den Medien zu sehen. Aber wir achten sehr darauf, dass die Weiterentwicklung jedes einzelnen Fahrers und damit die langfristige Entwicklung des Teams im Vordergrund steht.
Was waren Ihre Aufgaben - haben die sich im Saisonverlauf verändert?
Niermann: Ich bin bei Lotto-Jumbo, wie schon im Rabobank-Nachwuchsteam, sowohl als Trainer als auch Coach bzw. Sportlicher Leiter tätig. Als Sportlicher Leiter war ich unter anderem bei der Katalonien-, Baskenland-, Romandie- und Kalifornien-Rundfahrt sowie der Vuelta a Espana im Einsatz. Wir arbeiten sowohl für die Rennfahrer als auch für die Coaches mit einen Jahresplan, so dass meine Einsätze zu Saisonbeginn feststanden und sich daran im Saisonverlauf auch nicht viel geändert hat.
Das Team hat 26 Saisonsiege eingefahren, darunter waren auch zwei Etappen der Tour de France. Ist das eine Zahl, mit der das Management zufrieden ist?
Niermann: Mit 26 Saisonsiegen, davon zehn in der WorldTour, sind wir zufrieden. Wie in Deutschland hat auch in den Niederlanden die Tour de France einen enormen Stellenwert. Die beiden Etappensiege dort waren das Highlight der Saison, auch wenn wir, wie beim Giro d'Italia (Etappensieg durch Jos van Emden) oder in Kalifornien (Gesamtsieg durch George Bennett), viele weitere tolle Erfolge feiern konnten. Trotzdem gibt es mehr als genügend Margen für Verbesserungen. Bei den Frühjahrklassikern waren wir nicht dort, wo wir sein wollten, und angesichts vieler Podiumsplatzierungen hätte auch die Zahl der Siege durchaus noch höher ausfallen können.
Dylan Groenewegen und Primoz Roglic, aber auch Bennett haben sich enorm weiterentwickelt in dieser Saison. Wohin wird es mit den Dreien 2018 gehen?
Niermann: Alle drei haben noch großes Entwicklungspotenzial. Dylan entwickelt sich mehr und mehr zum Weltklassesprinter, George und Primoz haben auch bewiesen, dass mit ihnen in den Rundfahrten zu rechnen ist. Roglic ist sicherlich der komplettere Rennfahrer der beiden und wird in der Zukunft auch die GrandTours als Klassementsfahrer bestreiten können. Er ist stark am Berg und einer der weltbesten Zeitfahrer, das scheint auch für dreiwöchige Rundfahrten eine ganz gute Kombination zu sein.
Wird es Groenewegen künftig mit Kittel, Sagan & Co. bei den GrandTours aufnehmen können?
Niermann: Ich denke, dass Dylan spätestens mit seinem Erfolg auf den Champs Elysees in der Riege der Topsprinter angekommen ist. Im Moment hat er es gegen einen Kittel in Bestform noch schwer, aber seinen Leistungszenit hat Dylan sicherlich noch nicht erreicht. Zusammen mit Fernando Gaviria verkörpert er die neue Generation der Topsprinter, die es Kittel, Greipel und Cavendish in den nächsten Jahren nicht leicht machen werden.
Im Team gibt es relativ wenige personelle Änderungen, Danny van Poppel ist der prominenteste der vier Neuzugänge. Heißt das, dass sich die Sportliche Leitung von der Mannschaft noch eine Verbesserung erwartet?
Niermann: Ich denke, wir haben 2018 eine tolle Mischung aus erfahrenen Rennfahrern und jungen Talenten. Leute wie die schon erwähnten Roglic, Bennett und Groenewegen haben noch viel Potenzial, aber auch unsere gestandenen Fahrer wie Gesink, Kruiswijk und Boom gehören noch nicht zum alten Eisen. Von unseren Neuzugängen Van Poppel, Powless, Kuss und Eenkhoorn erhoffen wir uns viel, wobei es im Hinblick auf die letzten drei Namen vor allem um die langfristige Entwicklung geht. Van Poppel ist auch noch jung, aber der darf 2018 ruhig den einen oder anderen Sieg für Lotto-Jumbo einfahren.
Robert Gesink musste auch in diesem Jahr wieder vorzeitig die Saison beenden. Was trauen Sie ihm noch zu? Er galt ja mal als große niederländische Rundfahrt-Hoffnung….
Niermann: Leider hatte Robert auch in diesem Jahr wieder viel Pech, als er die Tour de France mit einer Rückenverletzung vorzeitig beenden musste. Aber er ist ein Stehaufmännchen und wird 2018 wieder an alte Stärke anknüpfen. Der Fokus liegt bei ihm, wie schon bei der Vuelta 2016 und der Tour in diesem Jahr, auf Etappenerfolgen und nicht mehr so sehr auf dem Gesamtklassement.
Welche Rollen werden die beiden Deutschen Robert Wagner und Paul Martens spielen?
Niermann: Paul und Wagi sind beide sehr wichtige Helfer im Team. Dass sie in diesem Jahr beide die Tour de France bestritten haben, sagt genug über die Wertschätzung aus, die sie bei uns genießen. Paul ist sehr vielseitig einsetzbar und kann sowohl den Klassementfahrern als auch den Sprintern beistehen. Er wird 2018 hoffentlich auch bei 'seinen’ Klassikern Amstel, Fleche und Lüttich eine Rolle spielen. Wagi ist nicht nur der Anfahrer von Dylan Groenewegen, sondern auch sein Lehrmeister. Dylan hat in den letzten beiden Jahren sehr viel von Wagi gelernt und ist nicht zuletzt mit dessen Hilfe zum Topsprinter geworden. Auch für Danny van Poppel wird Robert im nächsten Jahr ein wichtiger Bezugspunkt und Lehrmeister sein, denn Danny hatte in den vergangenen Jahren nur sehr selten einen Sprintzug zu seiner Verfügung.
LottoNL-Jumbo geht wie andere Mannschaften auch mit einem kleineren Aufgebot in die neue Saison. Ist das eine Reaktion auf die UCI-Reform, die weniger Fahrer pro Rennen vorsieht?
Niermann: Ja natürlich, aufgrund dieser Reform werden wir die Saison 2018 mit zwei Fahrern weniger als in diesem Jahr bestreiten. Es gibt eigentlich zwei Optionen, entweder weniger Fahrer, oder mehr Rennen bestreiten. Letzteres wäre allerdings mit enormen Mehrkosten verbunden, zumal die Anzahl der Masseure, Mechaniker und Coaches, aber auch die der benötigten Fahrzeuge gleich bleibt - egal, ob man ein Rennen mit sieben oder mit acht Rennfahrern bestreitet.
Werden Ihrer Meinung nach kleinere Aufgebote die Rennen verändern, für mehr Spannung und Sicherheit sorgen? Begrüßen Sie die Reduzierung?
Niermann: Ich stehe dem erstmal skeptisch gegenüber. Aufgrund der Reform steht zum Jahresende eine ganze Menge Profis ohne Team auf der Straße, und ob sich mit kleineren Teams wirklich die Sicherheit der Rennfahrer erhöht, oder die Rennen spannender werden, davon bin ich nicht restlos überzeugt.
Welche sind Ihre persönlichen Ziele für 2018? Das Tour-Debüt als Sportdirektor?
Niermann: Ich hoffe, dass wir an die Erfolge von 2017 anknüpfen können und als Team wieder den nächsten Schritt machen. Ob ich als Sportlicher Leiter zur Tour fahre oder andere Rennen bestreite, ist nicht so wichtig. Hauptsache, wir erreichen als Team das, was wir uns vorgenommen haben.
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